
70 Jahre Anwerbeabkommen Deutschland-Italien – wie Deutschland zum Einwanderungsland wurde
Es ist ein kühler Dezembertag, als in Rom eine Unterschrift die Geschichte zweier Nationen neu schreibt. Bundesarbeitsminister Anton Storch und der italienische Außenminister Gaetano Martino besiegeln das erste, bilaterale Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Italien. Oft ist es als rein wirtschaftlicher Akt in Erinnerung – als die Antwort auf den Hunger des deutschen Wirtschaftswunders nach Arbeitskraft. Doch ein Blick in die Bestände des Politischen Archivs des Auswärtigen Amts offenbart eine zweite Ebene: Es war auch ein diplomatisches Friedensprojekt. Die junge Bundesrepublik suchte nach dem Zweiten Weltkrieg die Anbindung an den Westen, und Italien suchte ein Ventil für die soziale Not im strukturschwachen Süden, dem Mezzogiorno, der vor allem die Regionen Apulien, Lukanien (Basilikata), Kalabrien sowie die Inseln Sardinien und Sizilien umfasst.
Deutsche Lebensrealität und die Illusion einer Rückkehr
Die ersten jungen Männer, die 1956 in den Zügen Richtung Norden saßen, folgten dem Aufruf der „Deutschen Kommission“, die als Verbindungsstelle der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung zunächst in Mailand, später in Verona Arbeitssuchende anwarb. Sie kamen mit einer klaren inneren Mission: Wenige Jahre Entbehrung in der Fremde für ein späteres Leben in Würde in der Heimat.
"Deutschland war für uns die große Unbekannte, ein schwarzes Loch“ sagt Vito Contento, der am 29. April 1961 aus Alberobello in Apulien nach Koblenz kam. Er hatte das Glück, zu jenen Arbeitswilligen zu zählen, die sozialen Halt und eine gute Unterkunft vorweisen konnten. Die Realität für die Meisten jedoch sah anders aus:
»Ein neuer Abschnitt fruchtbarer Zusammenarbeit
zwischen den beiden Ländern hat begonnen.«
— Italienischen Außenminister Gaetano Martino
Es war die Geburtsstunde des „Gastarbeiter“-Konzepts. Der deutsche Staat glaubte, Arbeitskraft könne man wie Rohstoffe importieren und bei Bedarf wieder exportieren. Die Arbeiter wiederum hielten an der Illusion fest, dass ihre Zeit in Deutschland nur eine kurze Episode sei.
Integration war im offiziellen Vokabular der 1950er und 60er Jahre nicht vorgesehen. Max Frisch fasste das in einem treffenden Satz zusammen „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“. Menschen mit kulturellen Wurzeln und eigenen Lebensgeschichten, die das Nachkriegsdeutschland misstrauisch beäugte. Für die meisten der ausländischen Arbeiterinnen und Arbeiter waren Diskriminierung und Ausgrenzung an der Tagesordnung. Es gab Lokale mit Schildern, auf denen es hieß "Eintritt für Ausländer und Hunde verboten".
Ein Türöffner in die neue Gesellschaft war der Sport. Eigene Fußballmannschaften halfen dabei, ein Stück Heimat zu bewahren, Sprachbarrieren zu überwinden und soziale Kontakte aufzubauen. Auch die italienischen, katholischen Gemeinden spielten als sozialer Treffpunkt und Anlaufstelle für Alltagsfragen sehr früh eine bedeutende Rolle.
„Die eigentlichen Motoren der Integration waren nicht politische Programme, sondern die Menschen selbst. Sie haben Deutschland nicht nur wirtschaftlich mit aufgebaut, sondern es auch kulturell und gesellschaftlich modernisiert“, betont der Migrationsexperte Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun.
Bella Germania – Sind Italiens Gastarbeiter angekommen?
Vor 70 Jahren kamen die ersten italienischen "Gastarbeiter“ nach Deutschland. Und mit ihnen ein neues mediterranes Lebensgefühl.
Wie erinnern wir uns heute an diese Zeit? Wie sehr hat sich Deutschland seitdem verändert?
Im SWR Kultur Forum diskutieren unter der Leitung von SWR Redakteurin Susanne Babila Dr. Alessandro Bellardita – Strafrichter und Vorsitzender der
deutsch-italienischen Gesellschaft in Karlsruhe; Bernardino di Croce – Buchautor und ehemaliger Gewerkschaftssekretär; Licia Linardi – Chefredakteurin der seit 1951 erscheinenden deutsch-italienischen Monatszeitung Corriere d’Italia.
Wenn aus Gästen Nachbarn werden
Mit dem Familiennachzug ab den 1960er Jahren veränderten sich die Biografien. Aus provisorischen Schlafplätzen wurden Wohnungen; Kinder wurden geboren, die in Ludwigshafen, Stuttgart, Wolfsburg oder im Ruhrgebiet aufwuchsen. Eine Generation, die zwischen zwei Sprachen und zwei Heimaten navigierte.
Während viele Italienerinnen und Italiener tatsächlich zurückkehrten, blieben Hunderttausende. Sie wagten den Sprung aus der Fabrik in die Selbstständigkeit und prägten mit Gastronomie und Handwerk das deutsche Stadtbild. Durch sie lernte die deutsche Gesellschaft erstmals, das „Fremde“ nicht nur zu tolerieren, sondern als Bereicherung des eigenen Alltags zu akzeptieren.
Für viele Italienerinnen und Italiener jedoch schlagen auch heute noch zwei Herzen in einer Brust. Deutschland ist Heimat, doch ist die Sehnsucht nach Italien geblieben. So wie bei Mario Reale, der in der Nähe von Mainz lebt. Im Beitrag des SWR berichtet er über sein Ankommen und Bleiben.
Ein neues Selbstbild
70 Jahre später ist das Erbe des Abkommens Teil unserer multikulturellen Gesellschaft. Der Weg war nicht frei von Enttäuschungen – von Diskriminierungserfahrungen der ersten Stunde bis hin zu Bildungsbarrieren für die Kinder der Migrantinnen und Migranten. Doch im Rückblick wird deutlich: Das Abkommen von 1955 zwang Deutschland dazu, sein Selbstbild als „homogene Nation“ zunehmend in Frage zu stellen und aufzugeben.
Heute blicken wir auf eine Erfolgsgeschichte, die zeigt, dass Integration ein Generationenprojekt ist. Die italienische Erfahrung hat den Weg für das moderne Verständnis Deutschlands als Einwanderungsland geebnet. Heute erinnert man sich nicht nur eines Vertrags zwischen zwei Staaten, sondern der Lebensleistung von Millionen Menschen, die Deutschland zu einem offeneren, europäischeren Land gemacht haben.
Fazit
70 Jahre Anwerbeabkommen zeigen: Hinter jeder Statistik steht eine Biografie. Die Geschichte der italienischen „Gastarbeiter“ ist ein Lehrstück darüber, das Menschen nicht nur ihre Arbeitskraft mitbrachten, sondern ihre Träume, ihre Kultur und ihren Willen zur Teilhabe. Sie haben Deutschland nicht nur wirtschaftlich maßgeblich unterstützt, sondern menschlich und kulturell bereichert.
Der Podcast ist abrufbar unter SWR Forum
Was steckt hinter dieser historischen Wegmarke, jenseits der bekannten Schlagworte „Gastarbeiter“ und „Wirtschaftswunder“? Welche Hoffnungen und Enttäuschungen begleiteten die ersten Ankommenden? Wer blieb, wer wagte die Rückkehr und welche Spuren haben ihre Geschichten in Familien und Gesellschaft hinterlassen? Welche Rolle spielt Migration für das Selbstbild Deutschlands – damals wie heute?
Dies nahm „Lebenswege“ zum Anlass, persönliche Stimmen zu hören und der Frage nachzugehen, wie sich Deutschland in diesen sieben Jahrzehnten zu einem Einwanderungsland entwickelt hat.
Zu Ehren des Jahrestags fand im Staatstheater Mainz eine Festveranstaltung statt, die in voller Länge abrufbar ist unter:
https://lebenswege.rlp.de/lebenswege/lebenswege-vor-ort-wir-schaffen-begegnungen




