Migrationsgeschichte – Menschheitsgeschichte

»Es gibt ein Leben nach der Flucht. Doch die Flucht wirkt fort, ein Leben lang.« (1)
(Ilija Trojanow, Schriftsteller und ehemaliger Mainzer Stadtschreiber)

Durch die Jahrtausende hinweg verließen Menschen jeden Alters und Standes aufgrund wirtschaftlicher Missstände, sozialer Gründe oder politischer und religiöser Verfolgung ihre Heimat. Mut aber auch die pure Verzweiflung führten dazu, alles Vertraute, Hab und Gut zurückzulassen um einen Neuanfang in einem meist unbekannten Sprach- und Kulturkreis zu wagen.


»Sich räumlich zu bewegen, ist eine Wesenseigenheit des Menschen, ein Bestandteil seines Kapitals, eine zusätzliche Fähigkeit, um seine Lebensumstände zu verbessern. Es ist diese tief im Wesen des Menschen verwurzelte Eigenschaft, die das Überleben der Jäger und Sammler, die Verbreitung der menschlichen Spezies über die Kontinente, die Verbreitung des Ackerbaus, die Besiedelung leerer Räume, die Integration der Welt und die erste Globalisierung im 19. Jahrhundert ermöglichte.« (2)


Eines der meist bestimmenden Migrationsmotive in der Geschichte war die so genannte  Gewaltmigration die sich in Form von Deportation, Evakuierung, Zwangsumsiedlung, Vertreibung sowie der Flucht vor Gewalt, Misshandlung und Genozid vollzog. Dies zeigen einige Beispiele aus der Geschichte der Einwanderung sowie der Auswanderung aus der Pfalz und Rheinhessen auf.


Ein kurzer Blick in die Pfälzer Fluchtgeschichte   

Seuchen, plündernde Soldaten, Mord und Vertreibung lösten im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) und im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688-1697) eine Fluchtwelle aus der Pfalz aus. Rund 80 Prozent der Bevölkerung verließ in jenen Jahren ihre Heimat.

Religiöse Verfolgung und Armut zwangen 1709 zehntausende Pfälzer zu einer wahren Massenauswanderung nach England. Die Versorgung und Ansiedlung der unerwartet hohen Zahl an Geflüchteten stellte die britische Regierung vor eine große Herausforderung und stieß eine innenpolitische Debatte und Regierungskrise an. Königin Anne sprach sich für eine Ansiedlung der Pfälzer in England aus, andere wollten sie zur Stärkung des Protestantismus in Irland, zur Arbeit für die britische Marine und zur Abwehr der Franzosen, mit denen das Königreich noch im Krieg lag, instrumentalisieren. (3) Am 14. Juni 1709 ließ der britische Sekretär in Den Haag verlauten: "bei Fortsetzung von ihrer Majestät Freigiebigkeit […] kann man, wenn man möchte, halb Deutschland haben…" (4) Das Londoner Proletariat lehnte sich gegen die "poor Palatines" aus Sorge um die eigenen Arbeitsplätze auf, fremdenfeindliche Hetze war an der Tagesordnung. Am 11. August 1709 erschien ein Text des englischen Journalisten und Schriftstellers Daniel Defoe, der eine sofortige Aufnahme der Geflüchteten forderte. In seiner "Kurze Geschichte der Pfälzischen Flüchtlinge", die auf zahlreichen Recherchen und Interviews beruhte, schrieb er: "Sodass alles in allem zu folgern ist, dass 10.000 Pfälzer, die in Großbritannien sinnvoll beschäftigt sind, ein Zuwachs von mindestens 80.000 Pfund per annum zum Reichtum dieses Königreichs sind, ohne Nachteile oder Lohnsenkungen für die einheimische Bevölkerung". (5)

Zahllose Missernten, gestiegene Getreidepreise und Hungerkrisen nötigten im "Hungerjahr" 1817 rund 20.000 Menschen zur Auswanderung aus der Pfalz nach Osteuropa und in die Vereinigten Staaten. Im 18. und 19. Jahrhundert strömten mehr als 60.000 Menschen aus Rheinhessen in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die aufstrebende Nation hatte einen dringenden Bedarf an Arbeitskräften, sodass die Neuankömmlinge herzlich willkommen waren. Viele beschritten durch neu gewonnene, wirtschaftliche Möglichkeiten und politische Freiheit den zum Mythos gewordenen Weg "vom Tellerwäscher zum Millionär".

Die nationalsozialistische Verfolgung von 1933 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 zwang hunderttausende Juden sowie politische Regimegegner dazu, in einem von 80 Migrationsländern Schutz zu suchen. (6)

Insgesamt wanderten aufgrund von Kriegen, Verfolgung und wirtschaftlicher Not vom späten 17. Jahrhundert bis zur heutigen Zeit weit über eine halbe Million Menschen aus dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz nach Nordamerika aus. Kaum eine andere Region Mitteleuropas hat eine im Verhältnis zu ihrer Bevölkerung gleich hohe Auswanderungsquote aufzuweisen. (7)
 

Fluchtwege nach Rheinland-Pfalz

"Ich habe viele Freunde in Rheinland-Pfalz gefunden" sagt Ali Nikpoor, der 2009 mit seiner Familie aus dem Iran floh und im rheinhessischen Ober-Flörsheim ein neues Lebensumfeld fand. Er ist stellvertretend für all jene, die ihr Land vor Gewalt, Verfolgung und Misshandlung verlassen mussten und den Weg ins Unbekannte antraten.

Seit Jahrhunderten sind Rheinhessen und die Pfalz Zufluchtsort für Schutzsuchende. Ein Beispiel ist die Verfolgung der Hugenotten in Frankreich oder die Mennoniten aus der Schweiz, die durch Gewalttaten, Re-Katholisierung und drohender Verhaftung trotz ausdrücklichem Migrationsverbot im 16. und 17. Jahrhundert flohen, und u.a. in der Pfalz sesshaft wurden.

Wirtschaftliche, religiöse und politische Gründe setzten ab dem 19. Jahrhundert eine Auswanderungswelle in die USA in Gang, der Millionen von deutschen Auswanderern folgten.

Als Folge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden zwischen 1945 und 1950 rund 14 Millionen Deutsche aus den deutschen Ostgebieten sowie aus Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa vertrieben oder mussten fliehen. Es war die größte Völkerwanderung seit der Antike. Für viele Heimatlose bot Rheinland-Pfalz eine sichere Zuflucht.

Die Flüchtlingsströme der Gegenwart sind also kein zeitgenössisches, weltpolitisches Phänomen sondern seit Entwicklung unserer Gesellschaft die historische Regel.

»Seit Urzeiten ist der Mensch auf Wanderschaft. Politische und wirtschaftliche Missstände, Kriege, Flucht, Vertreibung – die Gründe für Migration sind bis heute vielfältig.« SWR Landesart vom 12.5.2018

Hinter all den namenlosen Geflüchteten aber stehen Menschen mit ihren individuellen Schicksalen, Ängsten, Hoffnungen und Erfolgen. Und sie alle brachten und bringen ihre Geschichte und ihre Kultur mit in ihr neues Umfeld.

Kunst als Weg zur Verständigung der Nationen. SWR Landesart vom 12.5.2018

Einige Schicksale erhalten in der Sonderausstellung "Fluchtwege nach Rheinland-Pfalz" ein Gesicht. Wie etwa Monika Fettermann, die 1945 mit ihrer Familie aus Breslau floh und seit 1950 im rheinhessischen Ober-Flörsheim lebt.

Über seine dramatische Flucht aus Vietnam berichtet Tri Tin Vuong. Der heutige Landauer erreichte Deutschland 1986 im Rahmen des Kontingents für die so genannten"Boat People" .

Die Länder, aus denen Schutz suchende Menschen zu uns kommen, nutzen meist systematische Diskriminierung, sexuelle Gewalt und Folter als Mittel der Kriegsführung. Viele der Flüchtenden kommen alleine oder als unbegleitete Minderjährige aus Kriegs- und Krisengebieten. Viele sind bei ihrer Ankunft in physisch und psychisch schlechter Verfassung.

Welche Fluchterfahrungen bringen junge Geflüchtete mit? Über ihre Arbeit mit traumatisierten Jugendlichen diskutieren im Menüpunkt "Flüchtlingshilfe" der Sozialpädagoge Behrouz Asadi und die junge Psychologin und Psychotherapeutin Dr. Nihal Elnahrawy, die ehrenamtlich für die Malteser Hilfsorganisation in Mainz tätig ist.

Geflüchtete und Bleibeberechtigte aus Syrien, Afghanistan, dem Iran und Nigeria berichten über ihre Chancen und Erfolge nach ihrer Ankunft in Rheinland-Pfalz in dem Kurzfilm "Heimat Zweimal - Flüchtlinge in Rheinland-Pfalz zeigen, was sie können und wollen".


[1] Ilija Trojanow, Nach der Flucht, S.9, S. Fischer Verlag 2017
[2] Livi Bacci, Massimo: Kurze Geschichte der Migration, S. 8, Verlag Klaus Wagenbach Berlin, 2015
[3] Renzing, Rüdiger: Pfälzer in Irland. Schriften zur Wanderungsgeschichte der Pfälzer, Folge 39, Kaiserslautern 1989.
[4] Defoe, Daniel: Kurze Geschichte der pfälzischen Flüchtlinge, S.7-8, dtv 2017
[5] ebenda S.37
[6] Bade, Klaus: LMV-Ringvorlesung „Migration-zwischen Hoffnung und Wagnis“, Homo Migrans: Wanderungen in  Geschichte und Gegenwart-Beispiel Deutschland
[7] Brendel, Marvin: Deutsche in Amerika: 300 Jahre Massenauswanderung in die USA, in geschichtspuls.de

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