Der Bürgerkrieg in Syrien

Die arabische Republik Syrien ist ein Staat in Vorderasien, grenzt im Süden an Israel und Jordanien, im Westen an den Libanon und das Mittelmeer, im Norden an die Türkei und im Osten an den Irak. Mit einer Fläche von 185.180 km ist das Land im „fruchtbaren Halbmond“ etwa halb so groß wie Deutschland.

Religiöse und kulturelle Vielfalt

90 Prozent der Syrer bekennen sich zum Islam: 74 Prozent davon sind Sunniten und bilden somit die größte muslimische Glaubensrichtung im Land. Den Alawiten bzw. Nusairiern, einer religiösen Sondergemeinschaft in Vorderasien, die im späten 9. Jahrhundert im Irak entstanden ist und zum schiitischen Spektrum des Islam gehört, gehören zwölf Prozent der syrischen Bevölkerung an. Zehn Prozent bekennen sich zum christlichen Glauben. Weitere religiöse Minderheiten sind Schiiten, Drusen, Ismailiten, eine islamisch-schiitische Glaubensgemeinschaft, die christlich gläubigen Aramäer, deren Angehörige sich als Nachfahren der antiken Aramäer aus der Bronzezeit begreifen sowie Juden. 

Syrien – Die kulturelle Wiege der Menschheit

Die günstigen Lebensbedingungen machten das kleine Land am Mittelmeer über die Jahrhunderte hinweg zu einem beliebten Siedlungsgebiet für die unterschiedlichsten Völker und Kulturen. Seit der Antike ist die Geschichte Syriens von der wechselnden Herrschaft externer Invasoren geprägt. Vor der arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert hatten bereits die Phönizier, die persische Dynastie der Achämeniden unter Kyros und Darius, die Griechen unter Alexander dem Großen und die Römer in Syrien ihre Spuren hinterlassen. Das anderen Kulturen gegenüber offene Seefahrervolk der Phönizier hat das Land über mehrere Herrschergenerationen nachhaltig geprägt.

Zu den steinernen Zeugnissen jener faszinierenden Hochkulturzeiten zählen die Städte Aleppo, Damaskus, Palmyra, Basra oder Hama oder das Dorf Al-Husn mit der Kreuzritterburg Krak des Chevaliers, einem Zentrum des Johanniterordens. Die sechs von der UNESCO zu Weltkulturerbe-Stätte ernannten Kulturdenkmäler waren bis zum Bürgerkrieg Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt und zählten zu den schönsten und begehrtesten Reisezielen des Mittleren Ostens. Kaum ein Land konnte mit den Schätzen so vieler Hochkulturen aufwarten. Nach sieben Jahren Krieg jedoch sind die meisten Denkmäler schwer beschädigt und stehen auf der Roten Liste des gefährdeten Welterbes.

Einst gehörte die Altstadt von Aleppo zu den ältesten im gesamten Orient.

Zerstörte Panzer vor einer Moschee in Azaz

Einfluss des Islam

König Faisal I. 1933

Nach der Islamisierung im 7. Jahrhundert war Syrien für rund 70 Jahre Teil des Großreichs der Umayyaden, die ihre Hauptstadt nach Damaskus verlegten. Der Islam gewann neben Christentum und Judentum zusehends an Einfluss.(1) Im Jahr 1516 wurde Syrien Teil des Osmanischen Reiches und als eine wichtige Etappe auf der Seidenstraße zum Drehkreuz für den Warenhandel zwischen Ost und West. Dank der liberalen Haltung des Osmanischen Reiches gegenüber Andersgläubigen lebten in Syrien über mehrere Jahrhunderte Muslime, Christen und Juden weitgehend friedlich zusammen. Ende des Ersten Weltkriegs kam es zum Zusammenbruch des Osmanischen Reiches. Britische und arabische Truppen besetzten das Land. Im März 1920 erklärte ein syrischer Generalkongress den Staat unter Faisal I. zur unabhängigen konstitutionellen Monarchie. Eine arabisch-nationalistische Regierung unter Duldung der Briten wurde errichtet. Im selben Jahr marschierten Frankreichs Truppen ein und stellten das Land unter ihre Verwaltung. Dabei trennten sie Libanon, Palästina und Jordanien von Syrien ab. (2) Die willkürliche Grenzziehung durch die europäischen Kolonialherren mit der Abspaltung der Länder wurde in der Region nie richtig akzeptiert.

Die Regierungszeit von König Faisal I. war nur von kurzer Dauer. Es folgte die Besetzung durch französische Truppen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Auf die Zeit der Unabhängigkeit 1946 folgte eine längere Phase der Instabilität mit zahlreichen Staatsstreichen und diktatorischen Regimes.

Vier Jahrzehnte autokratischer Herrschaft im Zeichen des Löwen

Bashar al-Assad

Die enge Verbindung Syriens zur Sowjetunion besteht, seitdem sich die säkulare, arabisch-sozialistische Baath-Partei 1963 an die Macht geputscht hat. Über drei Jahrzehnte hat General Hafiz al-Assad, „der Löwe“, als Generalsekretär der Baath-Partei, Ministerpräsident und letztlich Staatspräsident die Befehlsgewalt inne, regiert das Land diktatorisch und weiß jede Opposition brutal auszuschalten. Am 10. Juni 2000 stirbt der Machthaber, seine Nachfolge tritt Sohn Baschar al Assad an. Der 34-jährige Augenarzt, welcher der religiösen Minderheit der Alawiten angehört, hatte in London studiert und erweckt durch innovative Gedanken, Entwicklungen und Wege zu konstruktiver Kritik Hoffnung in der syrischen Bevölkerung. Assad gilt als gebildeter und sanfter „Reformer“. Er leitet eine Antikorruptionskampagne und unternimmt vorsichtige Schritte für eine konstruktive Kritik innerhalb des Verwaltungsapparates.

Mit dem Damaszener Frühling beginnt für die syrischen Intellektuellen eine Zeit ungekannter Redefreiheit


Der "Damaszener Frühling" von September 2000 bis Herbst 2001 und die Deklaration von Damaskus 2005 können als Wegbereiter des "Arabischen Frühlings" und des revolutionären Widerstands in Syrien angesehen werden. Als Baschar al-Assad im Jahr 2000 Präsident wurde, wurden Forderungen nach politischen und sozialen Reformen intensiv in neu entstandenen politischen Salons und Foren, wie dem Riad Seif Forum und dem Jamal al-Atassi National Dialogue Forum, diskutiert. Die politischen Ziele dieser Foren waren eine Mehrparteiendemokratie und die Aufhebung des Ausnahmezustands; die Änderung des Versammlungsrechts sowie Gewährleistung der Presse- und Meinungsfreiheit; die Freilassung politischer Gefangener; die Garantie ökonomischer Rechte für alle Bürgerinnen und Bürger und die Aufhebung des Sonderstatus der Baath-Partei. Diese Forderungen wurden auch im "Manifest der 99", das von 99 syrischen Intellektuellen unterschrieben wurde, ausgedrückt. Zu den Salonteilnehmern und Organisatoren, die später inhaftiert wurden, gehörten unter anderem der Journalist Michel Kilo, der Unternehmer Riad Seif, der ehemalige Parlamentarier Mamun al-Homsi und der Ökonom Aref Dalila.

Obwohl der "Damaszener Frühling" mit Verhaftungswellen und der Schließung der Debattierclubs endete, hinterließ er tiefe Spuren in den Reihen der Opposition. Unter dem Druck internationaler Staaten auf das syrische Regime 2005 nach der Ermordung des libanesischen Präsidenten Rafik al-Hariri und dem Rückzug Syriens aus dem Libanon einte sich die auch damals heterogene Opposition (säkulare Bewegungen, kurdische Aktivisten, moderate Islamisten, die verbotene Muslimbruderschaft im Londoner Exil und andere) und verabschiedete am 16. Oktober 2005 die Deklaration von Damaskus, die zu einem demokratischen Wandel in Syrien aufrief, der auch die Aufhebung der Notstandsgesetze, die Gleichheit der Rechte und Pflichten aller Bürgerinnen und Bürger, einen säkularen Staat sowie eine Ausarbeitung der Verfassung einforderte. Prominenter Unterzeichner dieser Deklaration waren auch hier Riad Seif, daneben der jetzige Vorsitzende des Nationalen Koordinationskomitees für Demokratischen Wandel, Hassan Abdel Azim, und der islamische Rechtsgelehrte Sheikh Jawdat Said, welche daraufhin verfolgt wurden.

by-nc-nd/3.0/ Autor: Huda Zein für bpb.de


So wurde der anfängliche Optimismus auf friedliche Veränderungen des Staatssystems offensichtlich herb enttäuscht. Assad beginnt, die Baath-Partei zu verjüngen und neu zu interpretieren. Anstelle echter, zivilgesellschaftlicher Debatten, sollen Anregungen und Kritik nun innerhalb der Partei erarbeitet und formuliert werden. Ein wichtiges Reservoir für junge Parteikader stellt dabei die Syrian Computer Society dar, (3) die der technisch begabte Assad bereits 1989 gründete und ihr vorsteht.

Obwohl Assad in seiner ersten, siebenjährigen Amtszeit einen Kurswechsel von liberalem Denken zu diktatorischem Handeln vornimmt, wird er bei einem Volksentscheid am 27. Mai 2007 nach offiziellen Angaben mit 97,62 Prozent der abgegebenen Stimmen ohne Gegenkandidaten in seinem Amt bestätigt und damit für eine weitere Amtsperiode gewählt.
 

Sieben Jahre wütet der Bürgerkrieg in Syrien

Als sich im Zuge des Arabischen Frühlings im Februar 2011 erstmals in Syrien Menschen auf den Straßen des Landes versammeln, um gegen das autoritäre Regime von Baschar al-Assad, die hohe Arbeitslosigkeit und die Armut in den ländlichen Regionen zu protestieren, ahnt noch niemand, dass es sich um die Vorboten eines jahrelangen Bürgerkriegs handeln sollte.

Täglich erleben die Menschen die Willkür des Sicherheitsapparates, der für Folter und Tod berüchtigt ist. Das Assad-Regime praktiziert eine klare Vetternwirtschaft. Die zentralen Posten im Land sind in der Hand der konfessionellen Minderheit, der Alawiten, zu denen der Assad-Clan gehört. Am 1. Juli 2011 kommt es in Hama zu ersten Massendemonstrationen gegen das syrische Regime. Der 33-jährige Sänger Ibrahim Qaschusch gibt mit seinem Lied „Baschar al-Assad, es ist Zeit zu gehen“ der Menge eine Stimme. Wenige Tage später treibt seine Leiche neben den Wasserrädern im Fluss. Man hatte ihm die Kehle durchgeschnitten und die Stimmbänder herausgerissen. (4) Er ist einer von 140 Toten, die bei der Militäroffensive gegen das Volk ums Leben kommen. Bereits 1982 hatte der Vater Baschar al-Assads einen Aufstand in Hama niedergeschlagen. Damals wurden 20.000 Menschen brutal ermordet.

Im Sommer 2012 eskalieren die Proteste, die mittlerweile weite Teile des Landes erreicht haben, zu bewaffneten, blutigen Auseinandersetzungen. Die unsäglichen Umstände lösen eine Fluchtwelle ungeahnten Ausmaßes aus. Im Juni 2015 berichtet das UNHCR von mindestens vier Millionen Syrern, die das Land verlassen haben sowie 7,2 Millionen Binnenflüchtlingen. Mindestens 400.000 Menschen (Stand: April 2016) haben bereits ihr Leben verloren. (5) Insgesamt sind rund 800.000 Syrer seit dem Beginn des Bürgerkriegs 2011 nach Deutschland geflohen (Stand: Juni 2018). Seit 2014 stellen sie die größte Gruppe unter den Schutzsuchenden in Deutschland dar. (6) Auch unter den Geflüchteten, die nach Rheinland-Pfalz kommen, sind die meisten Menschen aus Syrien.
 

Im Chaos des Bürgerkriegs formiert sich der Islamische Staat

Zu den verübten Grausamkeiten des Assad-Regimes, die in dem Giftgas-Angriff 2013 in Damaskus eskalieren, kommen die Übergriffe des sogenannten Islamischen Staates (IS) hinzu. Die Terrorgruppe, die sich nach dem US-Einmarsch im Irak formierte, nutzt das Chaos des syrischen Bürgerkriegs für ihre Ziele, den Nationalstaat Syrien abzuschaffen. 2014 ruft die Terrororganisation anknüpfend an die Anfänge des Islam in Teilen Syriens und des Irak ein länderübergreifendes Kalifat aus. Rakka wird zur inoffiziellen Hauptstadt der salafistischen Terrormiliz und kann erst nach drei Jahren, 2017, wieder befreit werden. Durch internationale Interventionen ist der IS mittlerweile stark geschwächt, aber immer noch gefährlich. (7)


Podcast

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Podcast-Episode: Der Krieg in Syrien | Böll.Fokus
Welche Perspektiven gab es 2017 in Syrien? Welche Einflüsse von außen bewegten den Konflikt und wie ließe sich wiederum darauf Einfluss nehmen? Diesen Fragen geht die Journalistin Mandy Schielke im Gespräch mit den Büroleitungen der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut, Moskau, Istanbul und Washington nach. © Mandy Schielke CC BY-SA 3.0


Die Folgen des Bürgerkriegs in Zahlen

Ende 2017 waren 68,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Das ist die höchste Zahl, die jemals von dem UNHCR verzeichnet wurde. 52 Prozent der Geflüchteten weltweit sind Kinder. Im Schnitt wird alle zwei Sekunden jemand auf der Welt zur Flucht gezwungen, einer von 110 Menschen weltweit ist von Flucht und Vertreibung betroffen. (8)

12 Millionen Syrer, etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung, haben durch den Bürgerkrieg ihr Zuhause verloren. Nach UN-Angaben sind innerhalb Syriens rund sieben Millionen Menschen auf der Flucht. Mehr als 5,6 Millionen haben in angrenzenden Ländern, wie der Türkei, dem Libanon und Jordanien Schutz vor der Gewalt in ihrer Heimat gesucht. Nach UNHCR-Angaben haben seit 2011 mehr als eine Million Syrer in ganz Europa Asyl beantragt (Stand: bis Ende 2016). Schätzungen zufolge sind annähernd eine halbe Million Menschen seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien vor sieben Jahren ums Leben gekommen. Die Mehrheit der Opfer sind Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder.

Auch wenn der Bürgerkrieg in Syrien seit Anfang Juli 2018 durch den Gewaltverzicht von Regierungstruppen und Rebellen offiziell als beendet gilt, gehen die erbitterten Kämpfe in einzelnen Teilen des Landes weiter, eine Rückkehr Geflüchteter ist noch nicht sicher, so die UN. Im Süden haben heftige Bombardierungen ein erneutes Flüchtlingsdrama ausgelöst. (9)

Ein Syrer aus Rheinland-Pfalz: Rafik Schamis Plädoyer für einen respektvollen Dialog der Kulturen

Porträt von Rafik Schami
Rafik Schami auf der Frankfurter Buchmesse 2017

Jeden Morgen, wenn er aufwacht, denkt er an Damaskus. An eine Heimat, die schon lange nicht mehr die Seine ist. Eine Heimat, in der er unter Hafiz al-Assads Regime zu ersticken drohte. Seit 1971 lebt der syrisch-deutsche Schriftsteller Rafik Schami in Deutschland, mittlerweile in Rheinland-Pfalz. Er studiert in Heidelberg Chemie, promoviert und veröffentlicht seine ersten literarischen Texte in Zeitschriften und Anthologien, jeweils in arabischer und deutscher Sprache. 1980 wird Schami Mitbegründer der Literaturgruppe „Südwind“ und des PoLiKunst-Vereins, danach Mitherausgeber und Autor der Reihe „Südwind-Gastarbeiterdeutsch“ und bis 1985 Mitherausgeber und Autor der Reihe „Südwind-Literatur“.

Mit seinen autobiographisch gefärbten Werken wie „Eine Hand voller Sterne“ und „Die dunkle Seite der Liebe“ wird der Wahlpfälzer bekannt und zählt zu den erfolgreichsten Schriftstellern deutscher Sprache. Seine vielfach ausgezeichneten Werke geben einen Einblick in die arabische Welt der Gegenwart und der Vergangenheit.

„Rafik Schami“ ist das Pseudonym von Suheil Fadél, der 1946 in Damaskus geboren wird. Es bedeutet „Damaszener Freund“ und spiegelt die Verbundenheit zu seiner Heimat Syrien wider. 2011 wird Schami der Menschenrechtspreis der Vereinigung „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ in Bremen für seinen respektvollen Dialog der Kulturen verliehen. In seiner Ansprache sagt der ehemalige Bundespräsident und Vorsitzende der Vereinigung Joachim Gauck: „Rafik Schami setzt sich seit Anbeginn seines Schaffens mit Leidenschaft für die Demokratie ein. Seit Jahrzehnten nutzt er sein großes erzählerisches Talent auch dafür, die Geschichte, die Strukturen und die Auswüchse von Diktaturen bloß zu legen. Natürlich im Hinterkopf: die Hoffnung auf mehr Freiheit in Syrien. Doch in Deutschland  schaut er genauso aufmerksam hin und sagt den Bürgern mitunter: Nein, so bitte nicht.“