»Deutsche, haltet euch fest, jetzt kommen die türkischen Kinder«

Die Lebensplanung der ersten »Gastarbeitergeneration« ging von einer kurzen Übergangszeit im Ausland aus. Viele Kinder blieben deshalb im Heimatland bei der Mutter oder den Großeltern zurück. Erst als sich die geplante Rückkehr von Jahr zu Jahr verzögerte, holten die Eltern ihre Söhne und Töchter in die Bundesrepublik nach [1].

Türkischer Vater mit seinen zwei jungen Mädchen vor Baustelle
Türkischer Vater mit seinen Kindern.

Dazu hatte auch eine Entscheidung der Bonner Regierung beigetragen: Das volle Kindergeld sollte es nur noch geben, wenn der Nachwuchs in Deutschland aufwuchs. Eine türkische Zeitung schrieb daraufhin, »Deutsche, haltet euch fest, jetzt kommen die türkischen Kinder« [2].

Für den Zuzug von Kindern im schulpflichtigen Alter waren bei den deutschen Behörden kaum Vorkehrungen getroffen. Ernüchternd hieß es deswegen im Spiegel:

»‚Gegenüber ausländischen Kindern‘, stellt der Frankfurter Soziologie-Professor Hermann Müller in einem Gutachten fest, ‚hat die deutsche Schule bisher versagt.‘ Der Theologe Bernhard Suin de Boutemard beurteilt die Ausbildung, die Ausländer-Kinder zu Hilfsarbeitern programmiert, als ‚latent strukturellen Rassismus‘.« [3]
 
Generell warf die Eingewöhnung der ausländischen Kinder Probleme auf. Außerhalb der Türkei, fern vom gewohnten sozialen Umfeld und dem heimatsprachlichen Unterricht, hatten Viele mit Anpassungsschwierigkeiten zu kämpfen. Auch wenn das Schulverwaltungsgesetz vom April 1965 allen schulpflichtigen »Gastarbeiterkindern« vorschrieb, eine deutsche Schule zu besuchen, war ohne ausreichende Vorbereitung der schulische Alltag kaum zu meistern (s. auch »Silva Burrini« in der Daueraustellung). Um der deutschen Schulpflicht dennoch Genüge zu tun, kamen viele Kinder in die nächste Jahrgangsstufe, selbst wenn keine Chance auf einen Schulabschluss bestand. Noch 1970 räumte ein Oberschulrat ein, keine speziellen Leistungen für Migrantenkinder anbieten zu können [4]. Die Kultusministerien hatten den Schulen zwar die Möglichkeit von eigens eingerichteten Ausländerklassen eingeräumt, ein Zustandekommen der Klassen war jedoch erst möglich, wenn ihr mindestens 20 Schülern einer Nation und etwa gleichen Alters angehörten. Diese Bedingungen erfüllten damals einzig Schulen in Ballungsräumen [5].

Kinder mit Büchern in der Klasse
Deutschunterricht für Migrantenkinder.

»Zuerst war ich ein einzelnes türkisches Kind in einer Schulklasse voller Deutscher. Das war auf dem Land, vor allem in der Pfalz normal. Als meine Eltern dann nach Ludwigshafen umgezogen sind, sah es anders, aber nicht besser aus. Nun hatte ich ungefähr 15 deutsche Klassenkameraden und 15 ausländische. Nur waren die 15 Ausländer nicht alles Türken. Das waren Kinder aus sechs Nationen! Wie sollte man da was lernen?« [6]

Leidtragende dieser Situation waren alle Beteiligten. Lehrer, die gegen zu große Klassen und Verständigungsschwierigkeiten anzukämpfen hatten, deutsche Kinder, die unterfordert waren und ausländische Schüler, die den Unterrichtsstoff nicht verstanden.

Lehrer beim Unterrichten von jungen Kindern
Unterricht in einer »Ausländerklasse«.

Allgemein wird davon ausgegangen, dass das niedrige Bildungsniveau der ersten Arbeitsmigranten in der »Gastarbeiterära« Auswirkungen auf die Startchancen der folgenden Generationen hatte [7]. Viele Migrantenkinder, die trotz schwieriger Bedingungen eine erfolgreiche, schulische Laufbahn und berufliche Bildung vorweisen konnten, hatten stets das Gefühl, aufgrund ihrer soziokulturellen Herkunft mehr Willen und Durchsetzungsvermögen als andere aufbringen zu müssen.

Junger Türke bei der Arbeit am Schraubstock
Ausbildung türkischer Jugendlicher.
Junger Türkei beim Arbeiten in einer Küche

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Quellenangaben

1. Der Spiegel, Nr. 43, 19.10.1970.
2. Gespräch mit Burhan Yazici, 26.8.2009.
3. Der Spiegel, Nr. 43, 19.10.1970.
4. Ebd.
5. Heilbronner Stimme, 31.01.1970.
6. Vgl. dazu Kapitel 7.0 in: Kolb, Autos, Arbeit, Ausländer.
7. Gespräch mit Hasan S., 10.3.2011.
8. Vgl. Die Zeit, 15.10.2009, und K.J Bade und J. Oltmer: Normalfall Migration, Paderborn 2004.