Antisemitismus – was ist das?

Antisemitismus, der Hass auf Jüdinnen und Juden, ist ein Angriff auf die Unantastbarkeit der Menschenwürde und eine Bedrohung für unsere demokratische Gesellschaft.

Geprägt von Aberglauben, Vorurteilen und Stereotypen existiert Judenhass seit der Antike. In immer neuen Formen wird Antisemitismus an die jeweilige Gegenwart angepasst. Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.

„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die im Hass auf Juden Ausdruck finden kann. Rhetorische und physische Manifestationen von Antisemitismus richten sich gegen jüdische oder nicht-jüdische Individuen und/oder ihr Eigentum, gegen Institutionen jüdischer Gemeinden und religiöse Einrichtungen.“  (International Holocaust Remembrance Alliance, 2016)

Was ist Anstisemitismus? zum Video

Wie aber konnte es trotz und nach dem den Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden zwischen 1933 und 1945 zum Wiedererstarken antisemitischer Gedanken und Handlungen kommen?

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Antisemitismus zumindest öffentlich und auch politisch (von demokratischen Parteien) tabuisiert oder abgelehnt. Antisemitische Gedanken und Übergriffe bestanden jedoch weiterhin.

Vorurteile blieben bestehen, passten sich an die jeweilige Zeit an, erstarken in bestimmten Krisen und weiten sich aus, z.B. gegen den Staat Israel. Ein- und dieselben Bilder tauchen immer wieder von neuem auf. Moderne antisemitische Feindbilder bedienen sich bei alten antijüdischen Bildern und Stereotypen und verleihen ihnen neue Aktualität.

Wir wissen, dass zwei Jahre nach Kriegsende in Ost- und Westdeutschland wöchentlich ein jüdischer Friedhof geschändet wurde.   

Übergriffe auf und Beleidigungen von Jüdinnen und Juden, die Verwüstung und Schändung jüdischer Friedhöfe, Angriffe auf Synagogen seit den 1950er Jahren, Morddrohungen und Mord, wie etwa an dem Verleger und Rabbiner Shlomo Lewin und seiner Lebensgefährtin Frida Poeschke am 19.12.1980, antisemitische Parolen und Drohungen, Hakenkreuze und SS-Runen oder antiisraelische Symbole und Parolen an jüdischen und israelischen Einrichtungen oder Gedenkstätten, Aufmärsche und Ansammlungen rechter und anderer judenfeindlicher Gruppierungen und Parteien, Hetzschriften, Hetzplakate oder antisemitische Parolen auf antisemitisch befeuerten Versammlungen, die Störung von Gedenkzeremonien oder Gottesdiensten, das Demolieren und das Beschmieren von privaten PKWs sind nur einige der enormen Beispiele antisemitischer Varianten und Angriffe seit 1945. 

„Es ist nicht weniger als die größte Lüge der Bundesrepublik: der Glaube an eine tatsächliche Aufarbeitung der Vergangenheit,“ unterstreicht Samuel Salzborn, Antisemitismusbeauftragter des Landes Berlin in seinem Buch „Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern“.

Die Schändung der Synagoge in Köln ereignete sich Heiligabend 1959. Zwei Mitglieder der Deutschen Reichspartei beschmierten die erst am 20. September 1959 wiedereröffnete Synagoge mit Hakenkreuzen und der Aufschrift „Deutsche fordern: Juden raus“. Es folgte eine Welle antisemitischer Schmierereien in der ganzen Bundesrepublik. [1]

2010 erfolgte ein Brandanschlag auf die Synagoge in Worms.

Am 09. Oktober 2019: zu Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, versuchte der Rechtsextremist Stephan B. mit Waffengewalt in die Synagoge in Halle/Saale einzudringen, um dort gezielt Jüdinnen und Juden zu töten. Nicht erst mit dem Attentäter von Halle hat sich ein neuer Tätertypus definiert, der sich im Internet radikalisiert und dort sein antisemitisches Weltbild ausbreitet.

„Unsere Liebe ist stärker als euer Hass“ heißt es auf einem Kärtchen zum Gedenken an die Opfer des antisemitischen Anschlags in Halle/Saale.

Im gesamten Bundesgebiet nehmen antisemitische Straftaten konsequent zu. Nicht nur in Rheinland-Pfalz blickt man auf solche Ereignisse im eigenen Bundesland. 2020 schändete eine Frau 18 Grabsteine des ältesten, in Europa erhaltenen jüdischen Friedhofs Heiliger Sand in Worms.

Waren es nach Auskunft des rheinland-pfälzischen Antisemitismus-Beauftragten Dieter Burgard im Jahr 2018 noch 32, verzeichneten die Behörden im Jahr 2019 insgesamt 57 Übergriffe.

Es fällt auf, dass die Anzahl antisemitischer Straftaten ab 2014 tendenziell leicht abnimmt, ehe sie ab 2018 ansteigt. 2019 zeichnet sich in Anbetracht des ausstehenden 4. Quartals ein erneuter Anstieg ab. Die Zahlen der polizeilichen Statistik sprechen bezüglich der Motivation der Täterinnen und Täter eine deutliche Sprache. Beinahe 100 Prozent der Taten sind durch eine extrem rechte Gesinnung geprägt.[2]

Landesschau Rheinland-Pfalz »Gegen Judenhass in Rheinland-Pfalz«: zum Video

"In allen Gesellschaftsschichten und allen Bildungsgruppen finden wir heute den Antisemitismus wieder", sagt Burgard. Die Hintergründe antisemitischer Tendenzen und Klischees seien sehr unterschiedlich. Holocaustleugner, die das NS-Regime verharmlosen und die Shoah bestreiten, seien immer noch präsent. Zugleich erleben wir Neonazi-Musik, Hitlergrüße, Schändungen von Synagogen sowie jüdischen Friedhöfen und das Wort 'Jude' - im Sinne eines Schimpfwortes - unter Jugendlichen auf Schulhöfen", betont der rheinland-pfälzische Antisemitismusbeauftragte.[3]

Heute dominieren im Antisemitismus der sekundäre und der israelbezogene Antisemitismus, die beide auf der Vorstellung eines jüdischen Kollektivs basieren.

Ich bin damit aufgewachsen, dass vor den Synagogen Polizei stehen muss. Ich bin damit aufgewachsen, dass Kameras und hohe Zäune rund um jüdische Einrichtungen bis hinunter zum Kindergarten sein müssen. Heute bringe ich meine Kinder in die Schule, und wieder stehen Bewaffnete vor der Tür, weil es nicht anders geht.

Wollen wir das normal nennen? Ich weigere mich eigentlich, das als normal zu bezeichnen. Und der Anschlag von Halle war für mich der Moment, wo eigentlich klar war: Ich bin nicht mehr bereit, mich damit abzufinden, dass das so weitergeht. Das ist ein Zustand, Lebensumstände, für Juden in Deutschland, mit dem sich die Politik arrangiert hat, mit dem sich auch viele jüdische Gemeinden selber arrangiert haben. Auch unter uns Juden wird oft gesagt: Na ja, das ist der Zustand, den kennen wir nicht anders, so leben wir seit Jahrzehnten. Aber das ist falsch. Das ist etwas, gegen das man aufbegehren muss und das man nicht akzeptieren kann,“ sagt Ronen Steinke, Buchautor und Redakteur der Süddeutschen Zeitung im Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur.


Judenfeindlichkeit macht auch an Schulen nicht Halt - Was tun?

Viele Menschen haben im Alltag nahezu keine Berührungspunkte mit dem Judentum und jüdischer Kultur und wissen wenig über das jüdische Leben der Gegenwart. Für sie sind Juden entweder Opfer des Holocaust oder eine Projektionsfläche für den Staat Israel.

Witze über Jüdinnen und Juden, Sticker mit judenfeindlichen Symbolen, der Begriff Jude als Schimpfwort – an vielen Schulen und in Klassenchats ist das Alltag. Robert von „neuneinhalb – Deine Reporter“ fragt in einer 9. Klasse nach: Was steckt hinter diesen Beleidigungen? Und ist denjenigen, die sie benutzen überhaupt klar, was sie da tun?

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Wenn Antisemitismus sich nicht weiter manifestiert, wenn Demokratiefeindlichkeit, aber auch Rassismus und Populismus, Rechtsradikalismus und Menschenfeindlichkeit weiter voranschreiten, ist unsere demokratisch-pluralistische Gesellschaft in Gefahr.

„Antisemitische Gewalt geht mit edlen Begründungen einher. Der Antisemit - im Gegensatz zum plumpen Rassisten - begreift sich als jemand, der nicht nach unten tritt, sondern nach oben, gegen eine Gruppe, der er Macht zuschreibt. Das ist etwas, was dem Antisemiten ein besonders gutes Gewissen gibt, ein heroisches Gefühl. Das ist Kern der rechtsextremen Ideologie, dass die Übel der Gesellschaft, der Welt und der Politik bei Randgruppen abgeladen werden - aber es ist leider etwas, was auch für Linke immer wieder attraktiv ist: diese Vorstellung, dass es eine kleine Gruppe der Mächtigen da oben gibt. Denen kann man ein Gesicht geben. Das ist etwas, was die antisemitische Gewalt besonders gefährlich macht“, so Ronen Steinke im Interview mit dem NDR.


Wie können wir wirksam gegen Antisemitismus vorgehen?

Antisemitismus als gesamtgesellschaftliches Problem sollte interdisziplinär betrachtet werden. Maßgeblich sind die Aufklärungsarbeit, die Intervention bei antisemitischen Äußerungen und das Aufstehen und die Gegnerschaft gegen judenfeindliche Äußerungen und Handlungen. Zivilcourage ist gefordert.

„Im Rahmen politischer Bildungsarbeit muss vor allem jüngeren Menschen persönliches politisches Engagement wieder schmackhaft gemacht werden, ihnen gezeigt werden, dass sich Enthusiasmus und Idealismus lohnen, dass Querdenken und Vordenken in der Gesellschaft gefragt ist“, forderte der ehemalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, bereits 2003 anlässlich des Jahresempfangs in München zum Thema „Was tun gegen Antisemitismus? – Strategien für ein friedliches Miteinander“.

Durch das Programm "Demokratie leben!" unterstützt der Bund deutschlandweit Projekte, die sich für Demokratie, Vielfalt und gegen Menschenfeindlichkeit einsetzen. Das Programm förderte zahlreiche Projekte und Maßnahmen mit kommunalen, regionalen und überregionalen Schwerpunkten. In der neuen Förderperiode bis 2024 ist der verstärkte Blick auf Programme gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus ein bedeutender Schwerpunkt. 

Jo Frank, Geschäftsführer des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES), dem Begabtenförderungswerk der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, fordert konkrete, gesamtgesellschaftliche Taten: „Wir möchten Antisemitismusarbeit aus der jüdischen Perspektive machen. Deshalb binden wir jüdische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Künstlerinnen und Künstler und Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft ein, um die Sicht der Betroffenen zu stärken. Das halte ich für ganz wichtig, da Jüdinnen und Juden oft fälschlicherweise suggeriert wird, sie seien selbst schuld, wenn sie zum Ziel von Gewalt werden. Die Frage muss doch vielmehr lauten: Was ist kaputt in der Gesellschaft?“, so Frank in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau im Oktober 2020. Von besonderer Bedeutung ist die Vermittlung gegenwärtigen jüdischen Lebens in der Bildungsarbeit. Das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerkhat das bundesweite Aktionsprogramm „Nie wieder!?“ initiiert, das sich an junge Menschen aller 13 bundesweiten Begabtenförderungswerke richtet. „Das Programm hat mehrere Ebenen,“ erläutert Frank. „Wir arbeiten mit sehr engagierten Stipendiatinnen und Stipendiaten zusammen. In einer digitalen Öffentlichkeitskampagne, an der sich auch die 16 Ministerpräsidentinnen und -präsidenten beteiligen, erklären Menschen aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Zivilgesellschaft, weshalb sie sich gegen Antisemitismus engagieren und warum eine offene und plurale Gesellschaft für uns alle wichtig ist. In der Einbeziehung aller gesellschaftlichen Schichten sehe ich einen Schlüssel für Veränderung.[4]


Quellenangaben

[1] Quelle: Wikipedia
[2] Quelle: Amadeu Antonio Stiftung „Zivilgesellschaftliches Lagebild Rheinland-Pfalz“
[3] Quelle: SWR aktuell „Antisemitismus in Rheinland-Pfalz: Juden fühlen sich bedroht.
[4] Quelle: Frankfurter Rundschau, 12.10.2020