Ismail Bahadir, der »einmillionste Türke«

Ismail Bahadir ist nervös. Er hat sich für diesen Tag in Schale geworfen. Er trägt ein weißes Hemd, einen gestreiften Anzug, einen Wintermantel. Er hat keine präzisen Vorstellungen von den Deutschen, ihrer Kultur, ihren Sitten. Aber er weiß, das Wirtschaftswunderland ist seine Chance. Zu Hause, in seiner Heimat, wimmelt es von arbeitslosen und schlechtbezahlten jungen Männern. Und nicht jeder von ihnen hat das Glück, als Gastarbeiter in den Norden vermittelt zu werden [1].  

An jenem kalten Vormittag des 27. November 1969 rollt der Zug in den Münchner Hauptbahnhof ein. Die Szene hatte etwas Unwirkliches: Eine große Schar von offiziellen Persönlichkeiten, Reportern und Schaulustigen drängten sich dort, um die Ankunft eines Mannes zu feiern, dessen plötzliche Popularität auf einer Statistik beruhte. Gefeiert wurde der 24-jährige Türke Ismail Bahadir, der als »millionster Gastarbeiter aus Südosteuropa« für kurze Zeit im Rampenlicht der Presse stehen sollte.

Dem überraschten jungen Mann überreichte Josef Stingl, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, bei seiner Ankunft einen teuren Fernsehapparat als Zeichen der Wertschätzung für die »willkommenen und erwünschten Arbeitskräfte aus dem Ausland, die der deutschen Wirtschaft bei der ‚Bewältigung des Rentenberges‘, und der ‚Erreichung der Wachstumsziele` behilflich seien.« [2]

Das Gruppenfoto zeigt sechs Erwachsene und ein Baby im Garten
1969 verabschiedet sich Ismail Bahadir (hinten) von seiner Familie und nimmt dieses Gruppenfoto, das in Istanbul aufgenommen wurde, als Erinnerung mit nach Deutschland. Seine Frau Emine und seine Tochter Ayse, die er hier auf den Schultern trägt, kamen erst zwei Jahre später nach.

Fünf Jahre zuvor hatten die Worte ähnlich geklungen. Damals, 1964, wurde dem Portugiesen Armando Rodrigues de Sá als »einmillionster Gastarbeiter« in Köln-Deutz ein fulminanter Empfang bereitet. Die Fotografie des als »Mann mit dem Moped« bekannten Rodrigues gilt seitdem als die Stilikone der »Gastarbeiterzeit«. Kaum ein Zeitungsbericht zu einem Migrationsjubiläum kommt heute ohne sein Abbild aus [3].  

Bahadir, Rodrigues und die anderen »Jubilare« stechen aus dem anonymen Heer der vielen tausend angeworbenen Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten heraus, deren Ankunft in Deutschland weitaus unspektakulärer von statten ging. Es ist aber auch ein Beispiel für die Wertschätzung, die die »Gastarbeiterzuwanderung« in den 1960er Jahren von staatlichen Stellen und der deutschen Wirtschaft erfuhr. Der Empfang ist ein lebendiges Zeugnis einer Zeit, in der der deutsche Arbeitsmarkt nach ausländischen Arbeitnehmern verlangte. Nachdem das letzte Blitzlicht erloschen ist, steht der eigentliche Grund von Bahadirs  Ankunft wieder im Vordergrund: Die Arbeit. Von München aus bringt ein anderer Zug Ismail Bahadir, der später von seinen Kollegen nur der »Millionär« genannt wird, nach Mainz. Zunächst arbeitet der gelernte Dreher für 730 Mark im Monat bei dem Motorenhersteller Humboldt Deutz.

Bilder von Ismail Bahadir:

Ismael Bahadir im kargen Wohnheim
Karges Zimmer: Ismail Bahadir ein paar Tage nach seiner Ankunft in einem Wohnheim in Mainz-Mombach. Im Hintergrund der Fernsehapparat, sein Willkommensgeschenk.
Ismael Bahadir auf seinem Bett im Wohnheim
1969 im »Heim für Gastarbeiter«: Am Anfang seines Deutschland-Aufenthalts wurde Ismail Bahadir in Mainz-Mombach untergebracht.
Fotografie des Führungszeugnis
Führungszeugnis: Von 1969 bis 1971 war Ismail Bahadir als Dreher bei der Klöckner-Humboldt-Deutz AG in Mainz beschäftigt.

Schon nach einem Jahr wechselt er zu einem Hersteller für Chemieapparate, kurz darauf zu einem Eisen- und Stahlbauunternehmen im 70 Kilometer entfernten Kaiserslautern. »Herr Bahadir kann selbständig arbeiten und besitzt Erfahrung im Zerspanen von im chemischen Apparatebau vorkommenden Werkstoffen« heißt es in seinem zweiten Arbeitzeugnis [4].
 
Zwei Jahre nach seiner Ankunft folgten ihm im Herbst 1971 seine Frau Emine und Tochter Ayse nach Rheinland-Pfalz.

Die Familie lebt in der pfälzischen Provinz ein unscheinbares Leben im Kreise der Familie und der türkischen Gemeinde. Kontakte mit Deutschen sind auf das Arbeitsleben beschränkt, der gelernte Sprachschatz überschaubar. Die Familie lebt stets mit Rückkehrabsichten, die 1981 umgesetzt werden. In einer Zeit, in der es in den Zeitungen kaum noch Platz für positive Nachrichten über Migrantinnen und Migranten zu geben scheint [5].

Vom ersparten Geld eröffnet Bahadir in seiner Heimatstadt Konya eine kleine Maschinenfabrik. Das Kapitel Deutschland war für ihn abgeschlossen.

Nach wie vor lebt Ismail Bahadir, heute 65 Jahre alt, mit seiner Frau Emine in der Türkei. Das Foto zeigt die beiden in ihrer Dreizimmerwohnung am 20. Oktober 2010 in Konya, einer Industriestadt im anatolischen Hochland. Die Entscheidung, als Gastarbeiter nach Deutschland zu gehen, bezeichnet er rückblickend als »ein gutes Geschäft«.

2011, ein halbes Jahrhundert nach der Unterzeichnung des Anwerbeabkommens mit der Türkei wird es wieder einen Zug geben, der als Zeichen der Erinnerung an diese Phase der deutschen Geschichte von Istanbul auf die Reise gehen soll ins ferne Deutschland [6]. Mit an Bord: Ismail Bahadir, der »Millionär«, Symbol einer anderen Zeit.

Bilder von Ismail Bahadir:

Ismael Bahadir in einem Park, im Hintergrund eine Kirche
Ausflug nach Kiel: 1970 machte Ismail Bahadir Urlaub in Kiel.
Fotografie der Mosel-Landschaft mit Wasser, Ausflugsschiff und Städtchen
Ausflug an die Mosel: 1970 organisierte das »Heim für Gastarbeiter« in Mainz eine Bustour, bei der dieses Foto entstand.
Ismael Bahadir mit seiner Frau im heutigen Wohnzimmer
Heute besitzt Ismail Bahadir nur noch die Fotoalben, die er manchmal auf seinem Wohnzimmertisch aufklappt, die Bilder von der Tour auf dem Rhein, von seinem Ausflug nach Kiel, von ihrer Wohnung in Mainz.
Ismael Bahadir mit seinen drei Töchtern im Wohnzimmer
Bahadir mit seinen Kindern: Elf Jahre lang lebte der Gastarbeiter Ismail Bahadir in Deutschland, hier mit seinen drei Töchtern 1975.
Ismael Bahadir mit seiner Frau im heutigen Wohnzimmer
Heute besitzt Ismail Bahadir nur noch die Fotoalben, die er manchmal auf seinem Wohnzimmertisch aufklappt, die Bilder von der Tour auf dem Rhein, von seinem Ausflug nach Kiel, von ihrer Wohnung in Mainz.

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Quellenangaben

  1. Ismail, der Millonär, In: Einestages, Spiegel – Online
  2. Ismail, der Millonär, In: Einestages, Spiegel – Online
  3. Didczuneit, Veit: Armando Rodrigues de Sá, der millionste Gastarbeiter, das geschenkteMoped und die öffentliche Wirkung.
    Rekonstruktionen. PDF-Ansicht
  4. Ebd.
  5. Ebd.
  6. Der Tagesspiegel, 17.3.2011, Web-Ansicht