Die Geschichte der »Boat People«

Auf überfüllten Booten, die meist seeuntauglich waren, suchten sie Krieg, Verfolgung und Folter zu entkommen: die so genannten "Boat People". Längst sind sie zum Synonym für alle jene Flüchtenden geworden, die auch heute auf dem Seeweg den unerträglichen Zuständen in ihren Heimatländern zu entrinnen versuchen. Die Geschichte der einstigen "Boat People" findet ihren Anfang in Vietnam.

Nach einem jahrelangen, blutigen Krieg zwischen Nord- und Südvietnam mit mehreren Millionen Toten, an dem auch die USA auf Seiten Südvietnams zeitweise militärisch beteiligt waren, kapituliert mit der Übernahme der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon durch die Vietcong der Süden am 30. April 1975 bedingungslos. Aus Saigon wird Ho-Chi-Minh-Stadt. Der Wiedervereinigung des Landes, das 1954 in Nord und Süd geteilt wurde, steht nichts mehr im Wege. Mit der Gründung der Sozialistischen Republik Vietnam am 2. Juli 1976 steht das Land von nun an unter kommunistischer Regierung. Die für den Süden neue Ideologie wird mit Brachialgewalt erzwungen. Mehr als 500.000 Südvietnamesen verschleppt man in Umerziehungslager, so genannte „Neue Ökonomische Zonen“. Meist sind es Mitarbeiter der früheren südvietnamesischen Regierung, Studierende, Intellektuelle oder Armeeangehörige.

In einer ersten Fluchtwelle verlassen Hunderttausende ihre Heimat auf dem Landweg in die angrenzenden Staaten China, Kambodscha und Laos, die den Geflüchteten jedoch wenig Perspektive bieten. In einer zweiten Fluchtwelle suchen ab 1978 mehr als 1,5 Millionen Vietnamesinnen und Vietnamesen aller Altersgruppen und sozialer Schichten in unzähligen, überfüllten Booten über das Südchinesische Meer nach Malaysia, Indonesien, Singapur oder Hongkong zu gelangen. Sie geraten jedoch in internationale Gewässer und ihr Schicksal somit in die Zuständigkeit der Vereinten Nationen und der Staaten, unter deren Flagge Schiffe in diesem Gebiet verkehren (1). Auf allen Kanälen erstatten die Medien Bericht. Besonderes Aufsehen erregen die Bilder des Frachters „Hai Hong“. Seit Wochen irrt das angerostete Schiff mit mehr rund 1.7000 Vietnamesen an Bord über das Meer.

Die Zeitungen berichteten:

Am 1. Dezember 1978 berichtet der Trierer Volksfreund über die katastrophalen Zustände an Bord der „Hai Hong“. Zeitgleich startet die Bundeswehr ihren Rettungsflug nach Kuala Lumpur um die ersten Flüchtlinge aufzunehmen.
Rheinpfalz 4.12.1978
Auch die Unterhaltungsindustrie engagiert sich öffentlichkeitsstark in der Flüchtlingshilfe mit der Benefiz-Schallplatte »Schlager Rendezvous«.

Nahrungsmittel und Wasser sind nahezu aufgebraucht, als das Schiff im November 1978 die Malaysische Küste erreicht. Kein südostasiatisches Land zeigt sich bereit, die verzweifelten Menschen aufzunehmen, die für ihre Flucht aus Vietnam ihre gesamte Habe gaben. Die erschütternden Bilder sorgen für weltweites Aufsehen und lösen eine Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft aus.

Auch die Bundesrepublik Deutschland nimmt Anteil. Am 3. Dezember 1978 treffen die ersten Flüchtlinge auf dem Flughafen Hannover ein. Die Aufnahme der ersten "Boat People" in Niedersachsen durch den damaligen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht steht für den bundesrepublikanischen Auftakt der "humanitären Flüchtlingshilfe" (2). Mit der Aufnahme der vietnamesischen Flüchtlinge geht Deutschland einen entscheidenden Schritt in die Richtung, humanitäre, global ausgerichtete Hilfsaktionen als politische Strategie in der Innen- wie Außenpolitik zu integrieren. (3)

Bis zur völligen Erschöpfung verharren »Boat People« auf offener See und hoffen auf Rettung. Viele sterben auf dem Weg in die Freiheit.
Die Bilder ähneln sich. Im südlichen Mittelmeer rettet das irische Flaggschiff LÉ Eithne 2015 zahlreiche Geflüchtete.

Man spricht sich zunächst für die Aufnahme von 10.000 Menschen aus, die über die Bundesländer verteilt werden. Rheinland-Pfalz bietet Aufnahmekapazitäten über die vereinbarten Quoten hinaus. Letztlich erhöht die Bundesregierung ihr Kontingent. 38.000 "Boat People" erreichen als „Kontingentflüchtlinge“ durch Hilfe humanitärer Hilfsaktionen Westdeutschland, das bis dahin kaum außereuropäische Flüchtlinge aufgenommen hatte.(4) 4274 der Geflüchteten finden Zuflucht in Rheinland-Pfalz. (5)

Unter den Geflüchteten sind zahlreiche Kinder und Jugendliche, die ohne ihre Familie die gefährliche Flucht antreten.
Der Wahlpfälzer Tri Tin Vuong ist einer der Jugendlichen, die es 1986 nach Deutschland schaffen.

Der Journalist Rupert Neudeck gründet 1979 gemeinsam mit seiner Frau Christel und Prominenten, darunter die Schriftsteller Heinrich Böll und Martin Walser, das private Hilfskomitee „Ein Schiff für Vietnam“ und chartert die „Cap Anamur“. Mit Hilfe von Spendengeldern baut die Organisation den Frachter in ein Hospitalschiff um. Am 9. August sticht das Schiff erstmals in See. Bis zum Ende der Aktion 1986 rettet die humanitäre Hilfsorganisation Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte e. V. mehr als 10.000 Menschen das Leben.

Die Flucht der Millionen Vietnamesinnen und Vietnamesen beschreibt eine der größten transkontinentalen Flüchtlingsbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Zeitungen vermeldeten die große Unterstützung, die Deutschland den Geflüchteten gewährte.

Ludwigshafener Lokalnachrichten des Mannheimer Morgen, 25./26.10.1980
Rheinpfalz 4.12.1978
Rheinpfalz 4.12.1978


Die "Boat People" und ihre Kinder – eine Bestandsaufnahme

Bis in die 1970er Jahre leben nur wenige tausend Vietnamesinnen und Vietnamesen in der Bundesrepublik Deutschland sowie der Deutschen Demokratischen Republik. Sie entstammen der vietnamesischen Oberschicht und kommen im Rahmen eines Abkommens zur technisch-wissenschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Republik Vietnam, um an einer der Universitäten oder Fachhochschulen zu studieren. (6)

Nach der bedingungslosen Kapitulation der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon erreichen ab 1975 vor allem Geflüchtete aus dem Kreis ehemaliger Regierungsbeamter, wohlhabender Privatunternehmer und Intellektueller, die mit der westlichen Kultur vertraut sind, Deutschland. Mit dem Massenexodus ab 1978 strömen Menschen aller Gesellschaftsschichten nach Deutschland. Nachdem sich die Bundesregierung bereit erklärt hatte, im Anschluss an die erste, so genannte Indochina-Flüchtlingskonferenz des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) im Juli 1979 vietnamesische Flüchtlinge aufzunehmen, wird das Kontingent sukzessive auf rund 38.000 Personen aufgestockt. Ebenso werden einige Hundert vietnamesische Kinder, zumeist Kriegswaisen, von westdeutschen Familien adoptiert. (7,8) Die Zahl der Vietnamesen, die die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben, wird auf mehr als 40.000 geschätzt. (9)
 
Was lässt die Integration der sogenannten "Boat People" aus humanitärer Sicht zum Erfolg werden?

Als Kontingentflüchtlinge erhalten sie seitens der Bundesregierung eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis und Ausweisungsschutz. Der Zugang zu Bildungseinrichtungen und dem Arbeitsmarkt steht ihnen offen, anerkannte Flüchtlinge werden bei der Zusammenführung ihrer Familien unterstützt. Hilfsorganisationen, Wohlfahrtsverbände und zahlreiche ehrenamtlich Tätige stehen den Neuankömmlingen mit Rat und Tat zur Seite. Viele heiraten deutsche Ehepartner und beantragen die deutsche Staatsbürgerschaft. Der Fokus vieler ist auf ihre berufliche Weiterentwicklung in der neuen Heimat und die Bildung ihrer Kinder ausgerichtet. Laut Olaf Beuchling, Leiter des Lehrstuhls für Internationale und Interkulturelle Bildungsforschung an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, besuchen bundesweit 59 Prozent der vietnamesisch-stämmigen Kinder das Gymnasium. Verantwortlich für diese Lebens- und Bildungsphilosophie ist aus seiner Sicht die konfuzianische Lehre, die seit Jahrtausenden die kulturgeschichtliche Grundlage des vietnamesischen Gesellschaftsbildes skizziert. Lernen gilt als Tugend, Bildung genießt einen hohen Stellenwert. „Der Konfuzianismus begünstigt die Herausbildung eines meritokratischen Bildungssystems, in dem das Bewusstsein vorherrscht, dass jeder unabhängig von seinem sozialen Status gesellschaftlich vorankommen kann“, so Beuchling. Und diese Philosophie hat die vietnamesischen Geflüchteten in ihre neue Heimat begleitet.

Heute zählt die „unsichtbare Minderheit“ als eine der am besten integrierten Einwanderer-Gruppe in Deutschland. Sie sind als Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure, IT-Experten oder Beamte tätig. „Deutschland hat uns mit offenen Armen aufgenommen“ sagt der ehemalige "Boat People" Tri Tin Vuong, der 1986 Deutschland erreichte und heute im pfälzischen Landau lebt. „Aber nicht nur die Willkommenskultur der Aufnahmegesellschaft ist für den Integrationserfolg verantwortlich. Auch unsere Mentalität ist maßgeblich“, sagt er. „Wenn man uns etwas gibt, dann sind wir dankbar und wertschätzen es. Wenn man in einem Gastland lebt, ist es die Voraussetzung, die Grundgesetze und Regeln zu akzeptieren. Und weil wir als Vietnamesen so denken, hat unsere Integration geklappt.“

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