Die Bundesrepublik Somalia ist ein föderaler Staat auf der Somali-Halbinsel am Horn von Afrika. Die ostafrikanische Republik grenzt an den Indischen Ozean im Osten, den Golf von Aden im Norden, Dschibuti und Äthiopien im Westen und Kenia im Süden. Der bergige Norden des Landes liegt zwischen 900 m und 2100 m über dem Meeresspiegel; der höchste Berg des Landes „Shimbiris“, der „Ort der Vögel“, ragt mit seinen 2460 m imposant aus der Berggruppe hervor.

Mit einer Fläche von 637.657 km2 ist das Land fast doppelt so groß wie Deutschland, die für die Landesgröße geringe Bevölkerungszahl liegt bei geschätzten 15 Millionen Einwohnern. Die unzähligen Todesopfer,
die der Bürgerkrieg bisher forderte, die massiven Flüchtlingsbewegungen als Folge sowie die Zu- und Abwanderung der Nomadenstämme in den Wüstengebieten machen es schwer, konkrete Bevölkerungszahlen festzulegen.

Etwa 50 Prozent der somalischen Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre, jedes zehnte Kind überlebt das Säuglingsalter nicht.
Die „grüne Linie“, eine Straße in Mogadischu, die den Norden und Süden der Stadt trennt, steht stellvertretend für Krieg und Zerstörung des Landes.

Im Süden Somalias, an der Benadirküste am Indischen Ozean, liegt Mogadischu, die Hauptstadt des Landes und gleichzeitige Hauptstadt der Verwaltungsregion Banaadir (Benadir). Die Millionenstadt mit dem illustren Namen „Sitz des Schahs“, wird als gesetzloseste und gefährlichste Stadt der Welt eingestuft und ist vom Bürgerkrieg, der seit 1991 das Land beutelt, stark gezeichnet.

Somalia, eines der ärmsten Länder der Welt

Ein Großteil der somalischen Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Hunger, Krankheiten und Krieg sind die Ursachen für die geringe Lebenserwartung, die bei 58 Jahren bei Frauen und rund 54 Jahren bei Männern liegt (2).

Seit dem Frühjahr 2017 herrscht in Somalia eine erneute Dürre. Etwa sechs Millionen Menschen leiden Hunger, das Wasser ist wegen Infektionsgefahr nicht trinkbar. Das Land steht vor der weltweit schlimmsten humanitären Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Keine Hoffnung auf Bildung

Armut, Hunger und Krieg sind auch die Ursachen für den geringen Bildungsstand der Bevölkerung und demzufolge hohen Anteil an Analphabeten von geschätzten 62 Prozent (3). Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs 1991 kollabiert das damals bereits geschwächte, formale Bildungssystem: 90 Prozent der Schulen werden zerstört, die meisten Lehrer und Schüler verlassen die Bildungsstätten unfreiwillig. Die 1970 gegründete Nationale Universität in Mogadischu als wichtigste Einrichtung für höhere Bildung, ist seit Beginn des Bürgerkrieges geschlossen; erst sechs Jahre später, 1997, wird die privat betriebene Universität Mogadischu gegründet. (4) Bis heute zählt Somalias Bildungssystem zu den am wenigsten entwickelten Systemen weltweit. In den Jahren 2000 bis 2005 besuchen schätzungsweise 12 Prozent der Kinder die Primarschule, wobei der Anteil der Jungen höher, derjenige der Mädchen geringer ist. (5) Bildung wird von privaten Institutionen mit Unterstützung von einheimischen und internationalen Organisationen und vor allem von Koranschulen (Madrasas) angeboten, die neben dem Erlernen der arabischen Schrift und dem Auswendiglernen des Korans eine Minimalbildung ermöglichen. So konnte in der Region Shabeellaha Dhexe die Einschulungsrate auf 24 Prozent, der höchsten Rate in Südsomalia, erhöht werden. Die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern gewährleisten UNICEF und lokale Organisationen.

Das Land der Armut blickt auf eine reiche Geschichte zurück

Die aus Korallen und indischem Marmor gestaltete Fakr-al-Din-Moschee in Mogadischu wird 1269 erbaut und zählt zu den ältesten islamischen Bauwerken Afrikas.

Im 3. Jahrtausend v. Chr. soll es auf der Somali-Halbinsel ein Reich namens Punt gegeben haben, das mit ägyptischen Pharaonen Handel betrieb. Zu Beginn der christlichen Zeitrechnung gehören Gebiete des heutigen Somalia zum äthiopischen Großreich Aksum. Durch den Seehandel über Küstenstädte wie Zeila (Saylac) und Hobyo kommen die Somali mit arabischen und persischen Einflüssen in Berührung, so auch mit dem Islam ab dem 7. Jahrhundert, der sich durch die Ankunft muslimischer Patriarchen im 11. bis 13. Jahrhundert weiter ausdehnt. Die Stadt Zeila steigt bis zum 16. Jahrhundert zum Handelszentrum für Kaffee, Gold, Zibet, Straußenfedern sowie Sklaven aus Äthiopien und zum Zentrum des Islam auf. Durch den Handel über das Rote Meer kommen die Somali zu Wohlstand, prachtvolle Bauwerke entstehen und legen Zeugnis ihrer Blüte ab.

Mit dem Bau des Suezkanals beginnt die Kolonialzeit

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts kommt es zu Überfällen portugiesischer Seefahrer, die an der Küste der Somali-Halbinsel erste, europäische Stützpunkte errichten. Erst mit dem Bau des Suezkanals (1859-1869) gewinnt Somalia für die europäischen Großmächte und das Osmanische Reich an strategischer Bedeutung. Italien, Frankreich und Großbritannien dringen in die Region vor und Somalia wird in die vier Kolonien Kenia, Französisch-Somaliland, Britisch-Somaliland und Italienisch-Somaliland aufgeteilt. (6)

Von der Unabhängigkeit in den Bürgerkrieg

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt die koloniale Vorherrschaft trotz heftigem Widerstand weitgehend unangetastet. Mit zunehmendem Zugang zu Bildung formiert sich ein afrikanischer Unabhängigkeitswille, der Ende der 1950er Jahre erste Erfolge zeigt. (7) So werden unter Präsident Abdirashid Ali Shermarke nach der Erlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1960 aus Britisch-Somaliland und Italienisch-Somaliland die Republik Somalia. Am 15. Oktober 1969 fällt das Staatsoberhaupt einem Attentat zum Opfer und General Mohamed Siad Barre gelangt an die Macht. Unter seiner diktatorischen Herrschaft werden das Oberste Gericht abgeschafft, die Verfassung suspendiert, politische Parteien verboten und das Land in die „Demokratische Republik Somalia“ umbenannt. Die autokratische Willkürherrschaft des Diktators gepaart mit einer der schwersten Dürrekatastrophen (1974-75) führen zum bewaffneten Widerstand gegen das Regime. 1.500 Menschen sterben ebenso wie Millionen Rinder, Ziegen, Schafe und Kamele, auf denen der Export Somalias beruht. (8) 1991 stürzen Rebellen das Militärregime in Mogadischu. Seitdem befindet sich das Land im Bürgerkrieg und wird durch erbitterte Machtkämpfe einzelner Clans und Warlords zerrissen.


Seit dem Kollaps des Zentralstaats (1991) tobt in Somalia ein erbitterter Kampf um die politische und wirtschaftliche Macht. Während in den 1990er Jahren vornehmlich Kriegsherren mithilfe ihrer Klan-Milizen Führungsansprüche stellten, beherrscht heute der Kampf gegen extremistische Islamisten die politische Bühne. Verschiedene islamistische Gruppen vermochten ihren Einfluss immer wieder zu erweitern, indem sie sich wiederkehrende Rivalitäten zwischen diversen Klans und politischen Fraktionen zunutze machten und den Islam als übergeordnetes Identitätsmerkmal betonten.

Nach dem gescheiterten Stabilisierungsversuch der "Union der Islamischen Gerichtshöfe" (UIC) im Jahr 2006 etablierte sich Al Shabaab als schlagkräftigste Gruppe und agierte zwischen 2009 und 2011 in weiten Teilen Süd- und Zentralsomalias sogar als De-facto-Regierung. Während der Hungersnot von 2011, die nicht zuletzt aufgrund der Verhinderung humanitärer Hilfsleistungen durch Al Shabaab rund 260.000 Menschenleben kostete, verlor die Miliz massiv an Rückhalt in der Bevölkerung.

Die militärische Offensive der AMISOM zwischen August 2011 und Februar 2012 verdrängte Al Shabaab aus der Hauptstadt und in der Folge aus weiteren wichtigen Städten. Dennoch konnte die Gruppierung auch in den Folgejahren weite Landesteile kontrollieren. Wenngleich Al-Shabaab insbesondere in der südlichen Landeshälfte dominiert, so verübt die Gruppe landesweit Anschläge, wie das Attentat auf eine Militärbasis in Puntland vom August 2017, die dutzende Soldaten das Leben kostete.


Dominik Balthasar für bpb.de, by-nc-nd/3.0


Attentate und terroristische Anschläge sind an der Tagesordnung

Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen nach Somalia. Im Land und in der Hauptstadt Mogadischu kommt es immer wieder zu schweren Anschlägen, Selbstmordattentaten und bewaffneten Auseinandersetzungen mit der Terrorgruppe Al-Shabaab und anderen Gruppierungen. (9) Diese mit El Kaida verbündete radikal-islamische Miliz strebt eine politische und gesellschaftliche Erneuerung in Somalia an und will einen sogenannten Gottesstaat errichten, ähnlich wie es der sogenannte Islamische Staat (IS) in Syrien beabsichtigt hat. (10) Wer sich in Somalia der Terrorgruppe nicht anschließt, wird zum Gejagten, so die Aussage des Deutsch-Somalischen Vereins in Wiesbaden. Selbst töten, getötet werden oder flüchten, eine andere Alternative gibt es nicht.
 

Verstümmelung und Trauma: die grausame Tradition weiblicher Körperverletzung

Rund 200 Millionen Frauen weltweit durchleben heute noch immer unsägliche physische und psychische Schmerzen. Laut Angaben von UNICEF sind in Somalia 98 Prozent der Frauen im Alter zwischen 15 und 49 Jahren von Genitalverstümmelung betroffen, so viele wie in keinem anderen Land. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Frauen in der Stadt oder auf dem Land leben. 82 Prozent der Beschneidungen wird zwischen dem fünften und neunten Lebensjahr vollzogen und ist vor allem religiös begründet. Sie entspricht aber auch dem landesüblichen Schönheitsideal einer glatten, geschlossenen, unauffälligen Scham. Die Spätfolgen sind mannigfaltig, der Eingriff kann zu Unfruchtbarkeit führen. "Alle 11 Sekunden werden einem weiteren Mädchen meist ohne Narkose und unter unhygienischen Bedingungen Teile der Genitalien entfernt." (11) Viele der Mädchen sterben infolge schwerer Infektionen.

Eine der Frauen, die den Gewalteingriff überlebt haben, ist das somalische Topmodel Waris Dirie. Die Autorin und Menschenrechtlerin hat das Trauma der Genitalverstümmelung im Alter von vier Jahren erfahren. Die heutige UN-Sonderbotschafterin im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung wird 1965 in der somalischen Wüste an der Grenze zu Äthiopien als Tochter einer Nomadenfamilie geboren. Mit 14 Jahren flieht sie nach Europa, um einer Zwangsheirat zu entgehen. Bis heute hat sie mit den Erinnerungen an das Trauma zu kämpfen. 1998 schildert sie in ihrem Buch „Wüstenblume“ ihre Erlebnisse. „Schon als kleines Mädchen habe ich mir nach meiner grausamen Verstümmelung vorgenommen, eines Tages dagegen zu kämpfen. Ich wusste nicht wie, wo und wann ich damit beginnen würde. Als ich als Supermodel bekannt wurde, ergriff ich die Chance, denn die Beschneidung ist ein Verbrechen an unschuldigen kleinen Mädchen und die Täterinnen gehören bestraft.“ (12) Waris Dirie hat die Desert Flower Foundation gegründet, die in Berlin, Stockholm, Paris und Amsterdam die vier weltweit ersten ganzheitlichen Betreuungszentren für Opfer von weiblicher Genitalverstümmelung eröffnet hat. Seit 2013 gilt auf ihr Betreiben hin Genitalbeschneidung von Mädchen in Deutschland als schwere Körperverletzung und wird mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft. (13)

Flucht vor Hunger und Tod

Mehr als 68 Prozent aller Geflüchteten weltweit kommen laut Angaben der UN-Flüchtlingshilfe aus den Ländern Syrien (6,3 Millionen), Afghanistan (2.6 Millionen), Südsudan (2,4 Millionen), Myanmar (2,4 Millionen) und Somalia (986,4 Millionen). (14)

In der Asylgesuch-Statistik des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) 2017 rangiert Somalia mit 6.195 Gesuchen auf Platz acht der Top 10 Herkunftsländer.
In Rheinland-Pfalz entstammen 10 Prozent der Asylbegehrenden aus Somalia.

(1) Stand: 2018, World Population Review
(2) WB-WDI, siehe Statistisches Bundesamt 2016
(3) Welt-in-Zahlen, Bevölkerung über 14 Jahren
(4) Wikipedia
(5) Wikipedia
(6) Was War Wann?
(7) Stefan Mair, Staatliche Unabhängigkeit seit den fünfziger Jahren BpB
(8) Wikipedia
(9) Auswärtiges Amt
(10) Der Westen
(11) Stern & Terre des Femmes
(12) Hna
(13) Frankfurter Allgemeine & Desert Flower Foundation
(14) UNHCR, Global trends 2017

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