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Menschengruppe beim Public Viewing

Fußball-EM 2012: Fiebern beim Public Viewing im Spiel Portugal gegen Spanien (Foto: Christoph Husemeyer)

Der fünfzigjährige Portugiese ist seit langem in Deutschland angekommen. Absehbar war das jedoch nicht. »Als ich 1974 mit elf Jahren nach Nierstein gekommen bin, war ich der einzige Ausländer in meiner Klasse«, sagt da Silva. Ein Exot also. »Besonders in den ersten beiden Jahren war die Schule eine Qual für mich. Ich hatte kaum Freunde, verstand die Sprache nicht.« In diesen Jahren war für den Portugiesen das Klingeln am Unterrichtsende das einzig Positive an der Schule. »Ich war jedes Mal froh, wenn ich endlich wieder nach Hause durfte.« Erst nach zwei Jahren habe er langsam besser Deutsch gesprochen, den Anschluss geschafft und Freunde gefunden.

Was treibt einen Jungen, der schon einige Schuljahre in seiner portugiesischen Heimat Viseu hinter sich gebracht hat, auf einmal in ein fremdes Land? Es waren die Bande zwischen den Geschwistern, der Mutter und dem Vater, die für diesen großen Schritt in eine andere Kultur verantwortlich sind. »Mein Vater kam 1970 nach Deutschland«, erzählt Agostinho. »Weil er hier eine bessere Arbeit finden konnte und viel mehr Geld verdient hat.«

 

Gekommen, um zu bleiben

Für immer in Deutschland zu bleiben, war jedoch nicht der Plan von Agostinhos Vater. Er wollte schlichtweg Geld verdienen und etwas für seine Familie sparen. Nach vier Jahren war die Sehnsucht von da Silva Senior so groß, dass er seine Familie nach Deutschland holte. Seit einiger Zeit leben Agostinhos Eltern wieder in der Heimat, Agostinho und sein jüngerer Bruder sind geblieben und haben inzwischen selbst Familien gegründet.

Ansicht Innenraum des »U.D.P. Mainz Restaurante«

Portugiesisches Ambiente im »U.D.P. Mainz Restaurante« (Foto: Christoph Husemeyer)

In Mainz hat er sein Restaurant, Freunde und den Verein U.D.P. Mainz 1969, in dem er seit seinem 17. Lebensjahr Mitglied ist. U.D.P., das steht für União Desportiva Portuguesa. Agostinhos Restaurant ist der Mittelpunkt des Portugiesischen Sport- und Kulturvereins. Mannschaftsfotos und Fußballschals soweit das Auge reicht. Die Decke der Gaststube ziert ein aufgemaltes Fußballfeld. »Sämtliche Pokale an den Wänden haben unsere Mannschaften gewonnen«, sagt Agostinho stolz.

»Das Wichtigste in unserem Verein ist die Integration«, erzählt er. »Natürlich spielen bei uns viele Portugiesen. Aber auch einige Deutsche, Italiener, Türken und Menschen aus anderen Ländern. Wir hatten sogar schon einmal einen Deutschen im Vorstand.« Heute spielen die Kicker von U.D.P. in der Kreisliga B. Das war früher anders. Da gab es im Rhein-Main-Gebiet noch eine eigene Liga für Portugiesische Mannschaften. »Irgendwann waren wir die ständigen weiten Fahrten leid und haben uns in einer regulären Liga angemeldet.« Heute spielt Agostinho da Silva selbst nicht mehr. »Ich bin ohnehin nie ein begnadeter Fußballspieler gewesen.«

»Atmosfera Tipica«

Agostinho kümmert sich lieber um seine Gäste. Vorräte einkaufen, bedienen und den Kunden einen schönen Abend bereiten. Die Gastronomie ist seit zwanzig Jahren seine Welt. Die Küche überlässt er dabei aber anderen: Koch Octavio bereitet seit über 15 Jahren portugiesische Gerichte zu. Das Lieblingsessen der Gäste kennt Agostinho genau: »Besonders beliebt ist unser Nationalgericht Bacalhau, der portugiesische Stockfisch.« Auch sonst bestellen da Silvas Gäste vor allem Meeresfrüchte.

Agostinho da Silva beim Servieren

Agostinho da Silva bedient seine Gäste persönlich (Foto: Christoph Husemeyer)

Im Lokal hilft auch die Familie immer mal wieder aus: Zusammen mit Ehefrau, Tochter und Schwager bewirtet Agostinho die Gäste in typisch portugiesischer Atmosphäre. »Einige fühlen sich bei uns so wie während ihres vergangenen Portugalurlaubs«, weiß Agostinho. Völkerverständigung geht eben durch den Magen.

So sind es auch Einheimische gewesen, die wesentlich zur Entstehung des Restaurants beigetragen haben. »Früher war der Treffpunkt des U.D.P. ein kleiner Kellerraum«, erinnert sich der Gastwirt. Dort haben sich seit 1969 die Mainzer Portugiesen zum Kartenspielen und Unterhalten getroffen. Kleine Snacks wurden schon damals serviert. Bald kamen auch deutsche Arbeitskollegen und wussten das portugiesische Essen zu schätzen. Die Speisekarte wuchs und die Räumlichkeiten wurden mit der Zeit zu klein. So geschah es, dass Verein und Restaurant über die Schießgartenstraße und Gonsenheim in die Mombacher Straße gewandert sind.

Seit 2006 leitet Agostinho das Vereinslokal. Aus einer Not heraus: »Der Verein stand kurz vor der Insolvenz«, erzählt da Silva. »Da baten mich einige Mitglieder, ob ich nach der Neugründung nicht das Lokal führen wolle.« Schließlich hatte der Portugiese schon gute Erfahrungen mit eigenen Lokalen in Wiesbaden und Mainz gesammelt.

Ein Glück für U.D.P., dass Agostinho da Silva überhaupt den Weg in Richtung Gastronomie gewählt hat. Schließlich hatte er in der Jugend anderes im Sinn. »Damals, während der letzten Schuljahre, war ich im Gegensatz zu meinen Freunden immer knapp bei Kasse«, erzählt er. »Weil ich dachte, dort ließe sich schnell gutes Geld verdienen, habe ich eine Schlosserlehre begonnen, nach relativ kurzer Zeit aber abgebrochen.« Im Nachhinein eine richtige Entscheidung: »Durch das Restaurant haben wir sehr viele Freundschaften zwischen Portugiesen und Deutschen geschaffen.«

(© Christoph Husemeyer, Sascha-Pascal Schimmel, Online-Lehrredaktion 2012 des Journalistischen Seminars der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, 360grad-mainz.de