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Fünf Arbeiter verschiedener Nationalitäten am Arbeitsplatz

Strikte Neutralität: Die Unternehmenskultur sichert spannungsfreie Zusammenarbeit der multinationalen Belegschaft.

»Zwei kleine Italiener...«

Im Radio besingt der Teenager-Star Cornelia Froboess die Empfindungen und Sehnsüchte der Gastarbeiter in Deutschland mit dem Ohrwurm »Zwei kleine Italiener, die träumen von Napoli ...«. Von Anatolien ist da noch nicht die Rede. Das soll sich bald ändern. Genau zwei Jahre nach dem Abschluss des deutsch-türkischen Anwerbevertrags tritt 1963 Varacan Onaran aus Istanbul als erster türkischer Mitarbeiter ins Glaswerk ein. Ihm folgen schnell viele Kollegen vom Bosporus an den Rhein. Innerhalb kurzer Zeit überrundet die Gruppe der Türken die Italiener und hält die Spitzenposition dann für Jahrzehnte.

Unternehmenskultur sorgt für Harmonie

Viele der Schottianer mit ausländischem Pass fühlen sich bald so wohl, dass sie zu »Dauergastarbeitern« werden. 1970 können immerhin dreißig Italiener der ersten Stunde ihr zehnjähriges Betriebsjubiläum bei Schott in Mainz feiern. Mehr und mehr ausländische Mitarbeiter übernehmen jetzt auch Stellen mit höherer Verantwortung – als Konstrukteure und Leiter von Produktionslinien. Spannungen zwischen unterschiedlichen Ethnien gibt es so gut wie gar nicht. Da bewährt sich einmal mehr die Unternehmenskultur des toleranten Umgangs miteinander und die geforderte strikte Neutralität in allen Fragen der Nationalität und der Religion. Schon das Stiftungsstatut als Unternehmensverfassung schreibt vor, dass bei der »Anstellung (...) jederzeit ohne Ansehen der Abstammung (Anm.: Abbe meinte damit allerdings die gesellschaftliche Herkunft), des Bekenntnisses und der Parteistellung verfahren werden« muss.

Wohnheim mit Gastarbeitern

Dach über dem Kopf für die ersten Gastarbeiter: Das Glaswerk stellt das »Ledigenheim« auf dem Werksgelände, Behelfsheime an der Rheinallee...

Gastarbeiterfamilie am Tisch

... und Wohnblocks für nachziehende Familien bereit.

Träume des »Tenors von Mainz«

Nicola Cavuto ist Schneider in einem kleinen Abruzzendorf. 1960 beantragt er eine Arbeitserlaubnis für Deutschland und steigt in Mainz aus dem Zug. Mit 36 Landsleuten fährt er im Lastwagen zum Glaswerk. Sechs Jahre will er bleiben. Er findet Gefallen am Umgang mit Glas, am rheinischen Leben, wird nebenbei Hausmeister des Behelfsheims für die ausländischen Mitarbeiter von Schott, später auch in den ersatzweise gebauten Wohnblocks. Nach fünf Jahren holt er Frau und Tochter nach. Er findet Freunde und vergisst die Heimkehr. 

Überregional feiert man den Italiener Nicola Cavuto als »Tenor von Mainz«, denn sonntags schmettert er im Kolpinghaus Arien von Rossini und Verdi. Beim Gonsenheimer Carneval- Verein »Die Schnorreswackler« tritt er als Solist auf. Er engagiert sich für Jugendliche und wird dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. 

Nach 31 Jahren bei Schott geht Cavuto in Rente und genießt die Firmenpension. Trotz seiner rundum gelungenen Integration bekennt er in einem Interview: »Ich träume jede Nacht davon, wieder in die Abruzzen zu kommen.« Doch seine Frau will nicht zurück, und die Tochter schon gar nicht.

Nicola Cavuto auf der Bühne am Mikrofon

Nicola Cavuto, der »Tenor von Mainz«.