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Innenansicht des Museums mit Bildern von Gastarbeitern am Bahnsteig
Startseite > SWR International > Historie > Brücke zur Heimat

Der Anfang: »Brücke zur Heimat« und »Bollwerk gegen den Kommunismus«

Mit kirchlichem Segen ging es los: 1961 überzeugte der katholische Seelsorger Don Mutti den damaligen SDR-Intendanten Hans Bausch von der Notwendigkeit, Sendungen nicht nur in deutscher Sprache auszustrahlen: Der sogenannte „Gastarbeiterfunk“ – später das „Ausländerprogramm“ - war geboren (1). Von nun an versorgte das Radio täglich eine Viertel Stunde lang die hier lebenden Italiener mit den für sie wichtigen Nachrichten und Informationen, es spielte italienische Musik und schlug so eine „Brücke zur Heimat“. Für die anderen, kleineren Gastarbeitergruppen der Spanier und Griechen gab es ab Februar 1962 eigenständige, wöchentliche Sendungen. Türkisches Radioprogramm war vorerst nicht vorgesehen.

Vater mit Kindern vor Wohnzimmer-Radio im Jahre 1962

Das kirchliche Drängen nach einer Radiosendung für Ausländerinnen und Ausländer hatte auch politische Hintergründe in Zeiten des Kalten Krieges. Denn bevor der westdeutsche Gastarbeiterfunk auf Sendung ging, warben Radiostationen des Ostblocks um die ausländischen Arbeitsmigranten zwischen Rhein und Elbe, Bodensee und Weser. Aus dem kommunistischen Machtbereich waren „Radio Prag“, „Radio Budapest“, „Radio Warschau“ für Italiener und Spanier und der DDR Sender „Unser Radio“ für Türken täglich zu empfangen. (3)

Ein italienischer Gastarbeiter: „Wir hören fast jeden Abend die Sendungen von Radio Köln, Prag und London, aber wir wissen nicht, wo die Wahrheit liegt. Jede Station bringt die Nachrichten in einer anderen Art”. (4)

Die Radiosendungen aus dem Osten waren unter den Migranten sehr beliebt. Neben ideologisch gefärbten Nachrichten zeichneten sie sich vor allem durch ein Unterhaltungsprogramm aus, das großen Anklang fand. Das Erfolgsrezept war viel Musik und die Möglichkeit, Grußkarten im Radio verlesen zu lassen. Ihre subtile Einflussnahme zeigte sich aber während des Baus der Berliner Mauer im August 1961, als vereinzelt Italiener ihren Arbeitsplatz in Richtung Heimat verließen. Zuvor hatte Radio Prag gemeldet, dass im Zuge der Krise mit einer baldigen Schließung der Grenzen zu rechnen sei. (5)

Um dieser politischen Beeinflussung im Radio etwas entgegenzusetzen, drängten die Verantwortlichen aus Industrie, Kirche und Politik, sowie die Regierungen der Heimatstaaten der Gastarbeiter darauf, der kommunistischen Bedrohung mit einem eigenständigen Programm zu begegnen. Damit bekamen die Gastarbeiter eine demokratisch geprägte und vor allem aktuelle Informationsquelle, denn die heimatsprachlichen Tageszeitungen erreichten die hiesigen Zeitungskioske an den Bahnhöfen nur mit zweitägiger Verspätung. Allerdings sollte es noch dauern bis das einst dünne Programm eine Aufwertung erfuhr. Erst drei Jahre später, ab dem 1.November 1964, beschlossen die neun Landesrundfunkanstalten der ARD gemeinsam ein allabendliches Ausländerprogramm im Hörfunk auszustrahlen. Ab diesem Zeitpunkt konnten Italiener, Griechen und Spanier (vom Bayerischen Rundfunk in München) sowie Türken (vom WDR in Köln) einer je 45-minütigen Sendung in ihrer Heimatsprache lauschen.
 

SDR Rundfunkplakat aus dem Jahre 1965

SDR Rundfunkplakat 5/1965 (Quelle: SWR Hörfunkarchiv)

Orientierungshilfe fernab der Heimat

Ein wichtiger Bestandteil der Sendungen war neben den üblichen Nachrichten die sogenannte „Existenz- und Lebenshilfe“. Einführungen in das deutsche Tarifrecht, Arbeitnehmer und Arbeitgeberrechte, Bekanntmachungen und noch viele andere Hinweise wurden zum Schwerpunkt des Informationsteils des Programms. Nur selten in der deutschen Radiogeschichte nahm das Radio seine Funktion als Orientierungshilfe so intensiv wahr, wie in jenen Jahren, in denen Ausländer fern ihrer Heimat einen Bezug zur neuen Umgebung suchten.
 
Conte Gennaro: „Das Leben hier in Deutschland ist traurig, so weit von der Heimat, dem Geburtsort und den Verwandten entfernt. Wir befinden uns hier mitten in einer fremden Sprache, wo man nicht alles versteht und nicht alles sagen kann. Aber wir sind sehr froh, wenn der Abend kommt und wir in Ihrer Sendung etwas Nützliches finden, das uns die Erinnerung an unsere ferne Heimat auffrischt und wir auch schöne Lieder hören.” (6)
 
Zeugnis davon gab der unerschöpfliche Strom von Hörerzuschriften an die Ausländerredaktionen. Beim WDR in Köln verzeichnete man 1968 nicht weniger als 25.000 Briefeingänge seit der ersten Sendung sieben Jahre zuvor. Fragen über Fragen wurden an die Redaktionen gerichtet; zu sozialpolitischen Themen genauso wie zu medizinischen Fragen. Und natürlich hagelte es Musikwünsche über Musikwünsche. (7)
 
Weitere Programmpunkte waren die sehr beliebten Sportnachrichten, religiöse Ansprachen, Begebenheiten der Landsleute in Deutschland, das leichte Musikprogramm und der Unterhaltungsteil.

Dokument mit Übersicht italienischer Sendungen des WDR aus dem Jahre 1968

Italienische Sendungen des WDR vom 4.7.1968 (Quelle: SWR Hörfunkarchiv)

(1) Stuttgarter Zeitung, 2009
(2) Roberto Sala, „Gastarbeitersendungen“ und „Gastarbeiterzeitschriften“ in der Bundesrepublik (1960-1975) - ein Spiegel internationaler Spannungen, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 2 (2005)
(3) Die Zeit, 7. 1. 1966
(4) Ebd.
(5) Sala, Gastarbeitersendungen
(6) Die Zeit, 7. 1. 1966
(7) Schreiben vom 27. 7. 1968, SWR Hörfunkarchiv