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Portrait von Joseppina Piras
Startseite > Fachhochschule Koblenz > Die Ausstellung > Joseppina Piras

Joseppina Piras

 Geboren 1938 in Pozzomaggiore (Italien), Einreise nach Deutschland im Jahr 1962

»Erst hat uns das deutsche Brot nicht geschmeckt. Das war eine Katastrophe. Heute mag ich das italienische Brot nicht mehr.«

Joseppina Piras’ Mann Antonio war bereits 1961 nach Deutschland gereist und hatte eine Arbeitsstelle in der Firma Steuler angetreten, als Joseppina ihm 1962 mit dem gemeinsamen Sohn folgte. In ihrer Heimat Sardinien hatte sie keine Ausbildung absolviert und die Zukunftsperspektiven waren für die junge Familie relativ schlecht. Aus diesem Grund  beschloss das Ehepaar Piras, in Deutschland für einige Jahre Geld zu verdienen und dann nach Italien zurückzukehren. Joseppina Piras     benötigte für die Einreise nach Deutschland keinen Arbeitsnachweis, da ihr Mann bereits dort lebte und damit ein sogenannter Familiennachzug vorlag. Aus demselben Grund musste sie sich, bevor sie die Reise antrat, keiner Gesundheitsprüfung unterziehen, was dann jedoch in Deutschland nachgeholt wurde.

Alte Fotographie von Joseppina Piras mit Kind auf dem Arm


Joseppina Piras reiste mit dem Schiff und der Bahn nach Höhr-Grenzhausen. In ihrem Koffer befanden sich einige Decken, da ihr Mann sie bereits vor der Kälte im Westerwald gewarnt hatte. Außerdem führte sie einen besonders eleganten, italienischen Mantel mit sich, um den sie später, so sagt sie, alle Kolleginnen beneideten. Auch eine Espressomaschine durfte nicht fehlen. Die einzigen Schuhe, die Frau Piras besaß, waren modische weiße Absatzschuhe, mit denen sie durch Kälte und Schnee laufen musste.  Dementsprechend war ihr erster Eindruck in der  neuen Heimat von unglaublicher Kälte geprägt, die für sie ungewohnt war. Noch heute erinnert sie sich gut an den Winter von 1963, als ihr zweiter Sohn geboren wurde, denn in diesem Winter fror der Rhein zu.

Genau wie ihr Ehemann fand Joseppina Piras Arbeit bei der Firma Steuler, wo sie als Hausmeisterin tätig war. Von ihren deutschen KollegInnen wurde sie sehr gut aufgenommen. Diese waren es auch, die ihr halfen, die deutsche Sprache zu lernen. Die Familie Piras wohnte zunächst in einer Unterkunft der Firma Steuler. Sie mieteten dort zwei Zimmer, die 92 DM im Monat kosteten. Aber Joseppina Piras wünschte sich sehnlich eine eigene Wohnung. Eines Tages suchte sie ihren Vorgesetzten unangekündigt in seinem Büro auf. Dies war sehr ungewöhnlich, da sie sich eigentlich bei der Sekretärin hätte anmelden müssen. Ohne        Umschweife äußerte Frau Piras den Wunsch, eine eigene Wohnung zu beziehen. Herr Steuler versprach, ihr eine Wohnung zu besorgen, was er auch sofort in die Tat umsetzte. Vier Wochen später konnte die Familie in eine schöne Wohnung einziehen.

Auch die Freizeit der Familie war mit Arbeit ausgefüllt. Das Ehepaar kümmerte sich um den Tennisplatz der Familie Steuler. Joseppina Piras war dort als Köchin tätig. „Die Leute wollten meist Pizza und Spaghetti,“ erinnert sie sich.

Für Frau Piras war sehr schnell klar, dass sie für immer in Deutschland bleiben will. In Höhr-Grenzhausen hat sie eine neue Heimat gefunden.

Interview geführt am 19. November 2009 in Höhr-Grenzhausen durch A. Girnstein, J. Nicolaides, C. Niesen.

Exkurs: Familiennachzug

1979 veröffentlichte das Bundesministerium für Forschung und Technologie eine Studie zur Ausländerbeschäftigung. Aus der Studie geht hervor, dass der Anteil der Ledigen unter den ‚GastarbeiterInnen‘ in etwa dem Anteil der Ledigen in der deutschen Bevölkerung entspricht. Bei den  Italienern betrug der Anteil derer, die mit ihrer Kernfamilie in der Bundesrepublik wohnten 57 Prozent, nur bei den GriechInnen war er mit 60  Prozent höher. (vgl. Didzolat 1979, S. 15)

Die Möglichkeit des Familiennachzuges war in den Anwerbeverträgen geregelt (eine Ausnahme war die Türkei). So durfte ein/e ‚GastarbeiterIn‘ ihre/n EhepartnerIn, sowie Kinder unter 21 Jahren nur dann in die Bundesrepublik nachholen, wenn dem Ausländeramt eine behördliche Bescheinigung über den der Familie zur Verfügung stehenden Wohnraum vorlag. Erst wenn der Wohnraum gesichert war, konnte die Familie auf einen positiven Bescheid hoffen. (vgl. Habrock-Henrich/Holz 2005, S. 50)

Die Wohnungssuche gestaltete sich mitunter schwierig. Zum einen wurden von den VermieterInnen deutsche BewerberInnen bevorzugt, zum anderen waren viele Wohnungen im Vorkriegszustand. (vgl. Habrock-Henrich/Holz 2005, S. 53) Eine einfache Aufstellung der Studie von 1979 zeigt die Unterschiede der Unterkünfte von AusländerInnen und Deutschen. So fehlten im Durchschnitt in den Wohnungen (AusländerInnen/Deutsche):

•    Toiletten (15 Prozent / 4 Prozent)
•    Bad/Dusche (42 Prozent / 6 Prozent)
•    Warmwasser (45 Prozent / 15 Prozent)
•    Zentralheizung (58 Prozent / 25 Prozent)

Die Studie weist auch darauf hin, dass sich einige AusländerInnen bewusst für günstigere Wohnungen entschieden. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sich mit günstigem Wohnraum auch das Sparpotential erhöhte und somit eine frühere Rückkehr in Aussicht gestellt war. (vgl. Didzolat 1979, S. 19f)