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Portrait Vito Contento
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Vito Contento

»Das Leben ist voller Möglichkeiten«

Eigentlich wollte er Lehrer werden. Für den ältesten Sohn eines Landwirts aus dem apulischen Dorf Alberobello bot sich jedoch in den 1950er Jahren keine Perspektive, diesen Beruf aufgrund der wenigen, vorhandenen Stellen später einmal ausüben zu können. So begann er eine Ausbildung in einer Hotelfachschule mit dem Ziel, danach für sechs Monate ins Ausland zu gehen. Nach erfolgreich absolvierter Ausbildung erhielt er mit seinem Diplom gleichzeitig einen Arbeitsvertrag für Deutschland, der ihn entgegen seiner Vorstellung für die Zeit eines ganzen Jahres verpflichtete.

Mit wenigen Habseligkeiten im Koffer traf er am 29. April 1961 abends um halb sieben am Koblenzer Hauptbahnhof ein. Trotz guter Vorbereitung und etwas Deutschunterricht war das Land nördlich der Alpen eine große Unbekannte. Ein ganzes Jahr fern der Heimat erschien Contento so lange, dass er nicht wusste, wie er das aushalten soll. So zögerte er bereits bei der Unterzeichnung seines Arbeitsvertrags in Verona, ob er das Abenteuer Deutschland für mehr als die ursprünglich geplanten Monate auf sich nehmen wollte. »Niemand von uns dachte damals daran, länger oder gar für immer zu bleiben«, so Contento rückblickend.

Pass von Vito Contento aus den 60er-Jahren

Vito Contento war einer der insgesamt vier Millionen Italiener, die im Rahmen des deutsch-italienischen Anwerbeabkommens ihre Arbeitskraft der deutschen Wirtschaft zur Verfügung stellten.

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Audio I Vito Contento mit seinen eigenen Worten

Die Ausbildungsangebote konzentrierten sich auf handwerkliche Berufe oder auf Tätigkeiten in der Hotelbranche. Ihre verfügbaren Stellen gaben die deutschen Arbeitgeber den Vermittlungsbehörden bekannt, die je nach Anforderungsprofil Arbeitskräfte auswählten.

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Nach ihrer Ankunft in Deutschland wurden die Neuankömmlinge von einem Mitarbeiter des Unternehmens für das sie tätig sein sollten, in Empfang genommen. Dies war auch für den jungen Contento vorgesehen, der an jenem Freitagabend unschlüssig am Bahnsteig des Koblenzer Hauptbahnhofes stand und nach jemandem Ausschau hielt, der sich für ihn verantwortlich fühlte:

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Der zielstrebige, junge Kellner gehörte in jener Zeit zu den rund 50 Italienern, die vorzugsweise in der Koblenzer Gastronomie eine Arbeit fanden. Neben seiner Tätigkeit im renommierten Hotel »Trierer Hof« stand für ihn das Erlernen der Sprache im Mittelpunkt. 

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Vito Contento als Kellner im Hotel Trierer Hof

In wenigen Jahren hatte sich Contento die Position des Oberkellners im Hotel Trierer Hof erarbeitet.

Die strenge, zielgerichtete Erziehung, die er im Gymnasium in Rom genoss, prägte ihn für den weiteren Verlauf seines Lebens. Es hieß, »du musst was schaffen, musst lernen, lernen, lernen.« Der Erfolg seiner Schulzeit spiegelte sich in der Rekordzeit wieder, in der Vito Contento seine deutschen Sprachkenntnisse vertiefte. Bereits nach dreieinhalb jähriger Fortbildung, legte er 1964 in Wiesbaden vor der Industrie- und Handelskammer seine erste Prüfung zum Dolmetscher ab.

Sein berufliches Fortkommen in der Gastronomie hatte sich ebenso stringent weiter entwickelt. Der ursprüngliche Gedanke eines unüberwindbaren einen Jahres war dem des möglichen Bleibens gewichen. Einer der Gründe war die herzliche Aufnahme im Kollegenkreis:

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Vito Contento mit Mutter

Im Sommer 1964 reiste Signora Contento nach Koblenz um ihren Sohn zu besuchen. Sie blieb für ein Jahr. Unterkunft und stundenweise Arbeit fand sie ebenfalls im Hotel Trierer Hof.

Contento zählte zu den Wenigen, die sozialen Halt und eine gute Unterkunft vorweisen konnten. Viele italienische »Gastarbeiter«, die nicht in der Koblenzer Hotellerie oder Gastronomie arbeiteten sondern auf Baustellen in der Region, verbrachten ihre freien Stunden in schlecht ausgestatteten Wohnbaracken. Die Bevölkerung, für die jene Gäste auf Zeit ebenso fremd erschienen wie den Italienern der unbekannte Deutsche, reagierten mit Ablehnung: So war auf der Tür eines Koblenzer Lokals zu lesen: »Eintritt für Italiener verboten.« Um der Zurückweisung der deutschen Bevölkerung vorzubeugen, hüllten sich die Italiener in nationale Anonymität: 

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Auch Vito Contento wurde mit Vorurteilen konfrontiert, die für ihn nicht nachvollziehbar waren. »Badoglio« rief man ihm entgegen. Warum sprach man ihn mit dem Namen des italienischen Marschalls Pietro Badoglio an, der 1943 Regierungschef wurde?

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Trotz der Sehnsucht nach der Heimat überwog sein Durchhaltevermögen.

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Dank seiner Offenheit und Zielstrebigkeit hatte Vito Contento Glück mit der sozialen Eingliederung. Schon früh knüpfte er Kontakte zur Kulturszene in Koblenz und lernte aufgrund seiner Tätigkeit als Kellner zahlreiche Politiker kennen die das Hotel Trierer Hof als Treffpunkt wählten. Bereits in Italien spielte er leidenschaftlich Fußball. Zunächst bei Rot-Weiß Koblenz, ab 1965 im ersten, von ihm gegründeten Fußballclub »SC Italia«. Die Mannschaft suchte er sich durch seine Kontakte im ersten italienischen Restaurant in Koblenz zusammen, das zu jener Zeit zentraler Treffpunkt war.

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Vito Contento im Trikot auf dem Fußballplatz

Lange Jahre stand Vito Contento dem späteren »Sport Club Italia Koblenz 1965 e.V.« als Gründer und Mannschaftsbetreuer bevor.

Contentos Stärke, soziale Verantwortung zu tragen und Menschen zusammenzubringen, stellte schon früh erste Weichen für die Entwicklung seines Lebenswegs in Rheinland-Pfalz. Ausschlaggebend war u.a. Artikel 14 des bilateralen Abkommens, das die soziale und moralische Betreuung der Italiener in ihrer vorübergehenden Heimat regelte:

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Von 1972 bis 1975 studierte Contento an der Fachhochschule Koblenz Sozialpädagogik. Trotz des Studiums gab er seine Tätigkeit bei der Caritas nicht auf und führte nach eigenen Worten ein Doppelleben zwischen Studium und Beruf. 

Das Türschild bei der Caritas mit den Öffnungszeiten

Sein erstes Türschild bei der Caritas erinnert noch an den Arbeitseinsatz am Wochenende.

Portrait von Vito Contento aus seiner Studienzeit


Auch als Student setzte Vito Contento Zeichen: Er war der erste italienische Student an der FH.

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Ab Juni 1999 zählte Contento zu den Mitgliedern der CDU-Stadtratsfraktion in Koblenz. Darüber hinaus engagierte er sich als Vorsitzender des Ausländerbeirats und Vorsitzender des Freundschaftskreises Novara-Koblenz. Sein politisches Engagement aber entsprang seinem »Faible« für Geschichte und Persönlichkeiten:

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Aus seinem vielfältigen Leben hat Vito Contento zahlreiche Erinnerungsstücke behalten: Auszeichnungen, Dokumente, seine erste Schreibmaschine bei der Caritas, sogar Steine aus seinem Dorf Alberobello. Wenn er irgendeinmal zwischen all seinen sozialen und politischen Verpflichtungen, die er trotz offiziellem Ruhestand immer noch beibehält, Zeit finden sollte, möchte er seine Erinnerungsstücke in einem kleinen Museum zusammenstellen und ein Buch schreiben. »Ich bin schon selbst ein wahres Museumsstück« sagt er lachend.

Jungen Menschen gibt er die Empfehlung, ihre Chancen zu nutzen. Man kann alles erreichen, man muss es nur wollen, sagt er. Und Beispiele hierfür gibt es genug.