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Portrait Nebahat Sutor
Startseite > Lebenswege > Nebahat Sutor

Nebahat Sutor

»Deutschlands freundlichste Nachbarin«

Istanbul zu Beginn der 1960er Jahre. Trotz schwieriger Familienverhältnisse setzte sich Nebahat Sutor durch und begann nach dem Schulabschluss ein Chemiestudium. Die Wahl für das Studienfach schrieb sie ihrer kranken Schwester zu, die an Epilepsie litt. Wahrscheinlich um ihr zu helfen, sagt sie, habe sie sich für diesen Studiengang entschieden. Kurz vor dem Abschluss des Studiums jedoch konnte sie ihre beiden noch ausstehenden Prüfungen nicht absolvieren. Aufgrund der politischen Unruhen war die Universität geschlossen. Eine Alternative musste gefunden werden, die sich sehr bald im Rahmen des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens auftat.

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Audio I Nebahat Sutor mit ihren eigenen Worten

Nebahat Sutor's zerissener Pass mit Bild

Um sie am Weggehen zu hindern, zerriss der Vater ihren Pass.

Zielsicher recherchierte Nebahat Sutor ihre Möglichkeiten, wo sie in Deutschland zumindest für eine kurze Zeit Arbeit fände. Zuletzt stand ein kleines Dorf in der Nähe von Frankfurt zur Auswahl.

Sie war neugierig, wie die Menschen in Deutschland leben und warum es überhaupt den Bedarf an so genannten »Gastarbeitern« gab. In einem Informationsfilm erhielt sie erste Einblicke in die Besonderheiten des deutschen Alltags:

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Nebahat Sutor verließ ihr Land um zu arbeiten, zu lernen, ihrem Vater die Stirn zu bieten, aber auch aus der damaligen politischen Situation heraus, mit der sie nicht konform ging. Mit wenigen Habseligkeiten startete sie im Februar 1964 ihre Reise nach Deutschland.

Nebahat Sutor's Pass mit Bild von 1964

1964 - Aufbruch in eine neue Kultur.

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Die lange Fahrt in der Ruß speienden Dampflokomotive hinterließ bei allen Reisenden sichtbare Spuren: Mit schwarzen Gesichtern, sich selbst kaum wiedererkennend, erreichten sie München. Von dort aus wurden die Ankömmlinge auf ihre Bestimmungsorte vereilt, »Wie eine Herde« erinnert sich Sutor. Ihr weiterer Weg führte von München in das kleine Dorf in der Nähe von Frankfurt. Dort sollte sie – entgegen ihren Vorstellungen eines »Studenten-Gastarbeiters«, als vollwertige Kraft in einer Pension mitarbeiten. Es hieß, »bevor du studierst, musst du erst einmal arbeiten und die Sprache lernen«.

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Nach zweimaligem Treffen war das Vorhaben aufgrund der langen Bahnfahrt nach Feierabend beendet und man versuchte sich soweit es ging, die Sprachkenntnisse selbst anzueignen.

So manche Hürde war in der Anfangszeit zu überwinden. Selbst das deutsche Essen stellte für Sutor wie auch die meisten anderen ausländischen Arbeiterinnen und Arbeiter, eine starke Herausforderung dar:

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Rasch vergingen die drei Monate als Mitarbeiterin in der Pension. Eine Bekannte der jungen Türkin ebnete ihr den Weg für ihren weiteren Aufenthalt in Deutschland.

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Bis zu jenem Tag, an dem das Unternehmen Kurzarbeit anmelden und sich von einem Teil seiner Belegschaft trennen musste. Auch Nebehat Sutor war vor die Situation gestellt, eine neue Beschäftigung zu finden. Vorübergehend fand sie eine Anstellung bei dem amerikanischen Schreibmaschinenhersteller Torpedo, bevor sich die wirtschaftliche Situation der Firma Braun stabilisierte und das Unternehmen ihr ein Angebot für eine fortführende und bessere Beschäftigung unterbreitete, die aber keineswegs mit einer Gehaltsaufbesserung verbunden war.

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Mit Zuversicht und Kraft meisterte sie in den folgenden Jahren viele schicksalhafte Erlebnisse. Ihre Schwangerschaft, die Kündigung ihres Zimmers aufgrund einer Mieterhöhung und die Zuflucht in ein Entbindungsheim.

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Ihre dramatische Situation war bedingt durch die Zurückweisung der Familie ihres späteren Mannes. Sie drängte die junge Türkin zur Konvertierung ihres Glaubens, der kirchlichen Heirat und zur Taufe des 1966 geborenen Sohnes. Nebahat Sutor war nicht bereit dazu, kannte sie doch die Lehren der katholischen Kirche zu wenig, um sie an ihren Sohn weitergeben zu können. Die spätere Heirat in Bad Sobernheim, dem Heimatort ihres Mannes, fand somit nur standesamtlich statt.  

Aus den Erzählungen seiner Frau erwuchs die Neugierde des Gatten auf das Land und die Kultur der Türkei. Kurzerhand zogen das Ehepaar und der kleine Sohn nach Istanbul. Rasch fand der gelernte Repro-Fotograf eine Anstellung. Für das Wohl der Familie war gesorgt. Der zweite Sohn wurde geboren. Nach 11-monatigem Aufenthalt jedoch zwang die Inflation in der türkischen Wirtschaft die Familie zur Rückkehr nach Rheinland-Pfalz.   

Durch ihren ältesten, nun schulpflichtigen Sohn lernte Nebahat Sutor den Rektor der Grundschule von Staudernheim kennen. Einmal mehr sollte nun ihr Leben eine neue Wende nehmen: Diesmal im Sinne des sozialen Engagements für ausländische Kinder.

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Nach zweijähriger Ausbildung in der Diakonie in Bad Kreuznach absolvierte sie die Prüfung zur Erziehungshelferin. Eine Festanstellung wurde ihr jedoch verwehrt. Der Grund: Nebahat Sutor ist Muslimin. Die Bad Kreuznacher Stadtverwaltung hingegen bot ihr die Möglichkeit, ihren neuen Beruf auf vielfältige Art auszuüben:

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Frau Sutor mit Kindern am Tisch

Frau Sutor im Kindergarten in den 1980er-Jahren.

Zeitungsartikel »Vorteile auf beiden Seiten abgebaut«

Die Sensibilität für den gegenseitigen Respekt, die Toleranz für die Besonderheiten anderer Kulturen beginnt bereits in früher Kindheit. 

Ihr soziales Engagement, das sich auf die aktive Nachbarschaftshilfe ausgeweitet hatte, wurde 1983 besonders gewürdigt. Im Rahmen des Wettbewerbs »Deutschlands freundlichster Nachbar«, den die Zeitschrift »Bunte« in Kooperation mit der Landesbausparkasse auslobte, wurde ihr der dritte Preis verliehen. Eine Nachbarin war für die Nominierung verantwortlich, die in ihrem Schreiben an die Veranstalter Nebahat Sutor als »eine Seele von Mensch« beschrieb. Kinder beaufsichtigen, Besorgungen machen, Wäsche waschen und gebügelt zurückbringen oder nachbarschaftliche Taxidienste sind nur einige der vielen unterstützenden Dienste, die die Preisträgerin mit authentischer Selbstverständlichkeit übernahm.

Dr. Oscar Schneider und Nebahat Sutor

Aus der Hand des damaligen Bundesbauministers Dr. Oscar Schneider erhielt Nebahat Sutor den mit 2000 Mark dotierten Preis.

Zeitungsauschnitt »Minister Schneider ehrt "Deutschlands freundlichsten Nachbarn"«

Zeitungsbericht

Ihr Engagement für das Wohl ausländischer Mitbürgerinnen und Mitbürger stellte sie lange Jahre im Ausländerbeirat im Landkreis Bad Kreuznach unter Beweis. Als Vorsitzende der Interessenvertretung zählte sie Mitte der 1990er Jahre zu den 15 Frauen, die in den 55 Ausländerbeiräten des Landes Rheinland-Pfalz den Vorsitz führten.  

Was nach all den schicksalhaften Erlebnissen in den mittlerweile mehr als 45 Jahren ihres Hier seins Heimat für sie ist, beschreibt die aktive Staudenheimerin mit folgenden Worten:  

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