Vassilis Alexakis
TALGO
Übersetzt von Niki Eideneier
Roman
204 Seiten
ISBN 3-923-728-49-2
Euro (D) 11,25
Romiosini Verlag, Köln 1986

Talgo

Inhalt
»TALGO« ist der Name des spanischen Zuges, der die zwei Hauptpersonen dieses Romans eine für ihre Beziehung entscheidende Woche lang zusammenbringt. Zwei erwachsene Menschen, die in geordneten Verhältnissen leben, die Frau in Griechenland, der Mann – Grieche – in Paris, beide verheiratet, treffen sich in Athen. Die Liebe, die sich aus dieser Begegnung entwickelt, ist nichts Außergewöhnliches. Sie gibt aber dem Autor die Gelegenheit, sie in ihrem Prozess mit Vorgeschichte und Nachwirkungen auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Dabei nehmen der Rahmen, das gesellschaftliche Umfeld in den zwei europäischen Großstädten, sowie die Mentalität der Menschen hier und dort, geprägt von der jeweiligen Kultur und Geschichte, denselben Stellenwert ein.
Der Autor, der hier auch die Verarbeitung seiner Emigration aus Griechenland und das Wiederfinden seiner Wurzeln immer vor Augen hat und wagt, versteht es, mit einer einfachen, trefflichen, romantischen, aber vor allem ehrlichen Sprache Gefühle und Situationen meisterhaft zu schildern.
Vassilis Alexakis wurde 1943 in Athen geboren. Seit 1968 lebt er in Paris und publiziert in Griechisch und Französisch und veröffentlichte mehrere Romane. Er arbeitete als Journalist und Karikaturist, und war für Film und Fernsehen tätig. Sein Roman »TALGO« wurde 1984 von der französischen Akademie ausgezeichnet und verfilmt.
Leseprobe
Der Himmel ist voller Wolken, weißer, dicker Wolken, wie Watte. Es ist heiß, drückend heiß, so dass einem danach ist, sich irgendwo hinzusetzen, in eine Ecke, den Kopf auf den Arm zu stützen und in Tränen auszubrechen.
Kostas ist gerade gegangen, ich hörte mit Erleichterung die Tür zugehen.
Ich las deinen Brief nicht sofort, ich ließ mich in einen Sessel fallen, nahm ihn aus dem Umschlag, las die erste Zeile, dann hörte ich auf, zog mich aus, duschte, zog einen Bademantel über, setzte Kaffeewasser auf, nahm wieder den Brief, las die erste Zeile, rannte in die Küche, um den Kaffee vom Herd zu nehmen, bevor er überkochte. Ich kam rechtzeitig.
Du möchtest, dass wir Freunde bleiben, sagst du, dass wir uns sehen, wenn du nach Athen kommst, dass wir uns anrufen, uns ab und zu schreiben (einmal im Monat?), aber freundschaftlich. Du behauptest, so sei es besser für uns beide, denn ohne diesen Entschluss würden wir uns nur quälen, und du wolltest nicht, dass ich mich quäle, das hauptsächlich beschäftige dich, dass ich nicht gequält werde, denn du liebtest mich, und ich würde mit den Jahren schon verstehen, wie sehr.
Um ehrlich zu sein, ich schließe nicht aus, dass du mich liebst, ja, es mag sein, dass du mich liebst, aber eben wie eine gute Freundin, das heißt … was heißt denn »wie eine gute Freundin«? Dass du mir Geld schickst, wenn ich in Not gerate? Dass du mich, wenn mich ein Auto umfährt, im Krankenhaus KAT in einem Einzelzimmer unterbringst? Dass du, wenn ich sterbe, alles dransetzen wirst, für mich einen Platz auf einem Zentralfriedhof zu finden, einen Platz mit Statuen und reichlich Grün, wie im alten Paradies?
Ich liebe dich anders.

