In dieser Zeit verließen insgesamt 92 Menschen das kleine Dorf Vibonati, um in Deutschland eine bessere Zukunft zu finden. Vibonati steht hier stellvertretend für die Lebenssituation vieler Auswanderer, die geprägt war von harter Arbeit und großer Armut.
Die Möglichkeit in der Fremde zu arbeiten sah man daher als Chance, die eigenen Verhältnisse und die der Familie zu verbessern.
»Ein Nachbarsjunge (…) wollte Geld für ein Haus sparen, ›Mutter‹, hat er gesagt, ›in Deutschland ist viel Geld, man muss es nur wollen (…)‹. Wir waren aber auch verrückt, (…) Geld für ein Haus in drei Monaten? Wo kann man das schon verdienen? Aber das waren die Hoffnungen (…). Alle kamen mit Hoffnungen.« A.K., 57-jähriger Grieche
Aber die Vorstellungen der Menschen, nach kurzer Zeit als »Gast-Arbeiter« in Deutschland wieder in ihre Heimat zurückzukehren, waren vielfach von kurzer Dauer. Die Rückreise wurde immer wieder hinausgezögert und aus Jahren wurden Jahrzehnte. 50 Jahre nach dem Abschluss des ersten Anwerbeabkommens mit Italien soll hier die Geschichte der »Gastarbeiter« zwischen 1955 und 1973 beleuch tet werden, deren Wirken bis heute spürbar ist. Der Anlass für die Anwerbung ausländischer Arbeiter war ein Mangel an deutschen Arbeitskräften. Diesem Mangel stand die Entwicklung einer stetig wachsenden Wirtschaft gegenüber. Durch ein System von gesetzlichen und vertraglichen Bindungen sollten Ausländer diesem Missverhältnis entgegenwirken. Weiterführende sozialpolitische oder infrastrukturelle Konzepte wurden nicht entwickelt, da eine dauerhafte Beschäftigung der Arbeiter nicht vorgesehen war. Die Planungen der »Gastarbeiter« waren ebenso kurzfristig. Sie gingen von einer Rückkehr in ein bis zwei Jahren aus.
»Unsere Wirtschaft wäre in den letzten Jahren in ernstliche Schwierigkeiten geraten, wenn nicht die Ausländer in die Bresche gesprungen wären.« Landesarbeitsamt Baden-Württemberg, 1963