Dass Pauschalurteile nicht für Erklärungen taugen, bestätigt sich bei den Türkinnen der so genannten »ersten Generation«. Zwischen 1961 und 1973 waren 19 Prozent [2] aller nach Deutschland emigrierten Türken Frauen, die sich für ihre Migrationsentscheidung sogar gegen erhebliche familiäre Widerstände und moralische Vorbehalte durchsetzen mussten [3].
»‚Papa’, hab ich beim Abendessen gesagt, ‚Papa, ich geh nach Deutschland’. Mein Vater sagte nichts. Er hat mir einfach nicht geantwortet. Er dachte wohl, ich mach nur Spaß. Aber keine zwei Wochen später saß ich schon im Zug.« [4]
Dennoch ließen sich viele auf das Wagnis ein. Die meisten Migrantinnen stammten dabei aus dem Mittelstand und verfügten über eine gute Schulbildung. Oftmals waren es aber auch verheiratete Frauen, die ihre Männer in der Heimat zurücklassen mussten, da weibliche Arbeitskräfte von der deutschen Industrie gesucht waren und deshalb leichter vermittelt werden konnten [5].
Die Frauen dieser Generation verbrachten wahre Pionierleistungen: Nicht selten mussten sie Haushalt, Familie und Beruf unter einen Hut bringen. In der Erziehung der Kinder wechselten sich die Ehepartner ab, indem sie in verschiedenen Schichten arbeiteten. Für die persönliche Beziehung blieben nur kurze Momente zwischen Tür und Angel [6].