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Portrait von Thomas Usleber
Startseite > Lebenswege > Thomas Usleber

Thomas Usleber

»Kultur darf nicht auf die Sprache oder die Religion reduziert werden, denn dadurch wird nur das Trennende hervorgehoben.«

»Ich bin ein Deutscher. Bin ich es? Woran wird „Deutschsein“ erkennbar? Woran erkennen Menschen, dass ein anderer ein Deutscher ist oder eben keiner? Am Pass? An der Sprache? Am Namen? Am Aussehen?«

Mit seinen autobiografischen Aufzeichnungen »Die Farben unter meiner Haut« meldete sich 2002 erstmals ein schwarzer, deutscher Mann zu Wort. Der 1960 geborene Thomas Usleber erzählt vom Aufwachsen in der westdeutschen Provinz, wo er mit seiner weißen Mutter und einem schwarzen Bruder lebte. Auch wenn Rassismus seine Erfahrung von Ausgrenzung am stärksten prägt, gesellt sich bei ihm noch ein weiterer Aspekt dazu: Die Armut seiner Familie. […]

In seinem Buch zeichnet Usleber die erschütternde Geschichte eines Deutschen auf, der im eigenen Land als Fremder gesehen wird, aber mit Konsequenz und einem unbeirrbaren Glauben dokumentiert, dass nicht die Hautfarbe eines Menschen entscheidend ist, sondern seine Willenskraft und individuelle Persönlichkeit.

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Audio I Thomas Usleber mit seinen eigenen Worten

Thomas Usleber wurde als Sohn einer ungarndeutschen Mutter und eines afroamerikanischen Vaters im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein geboren. Der Vater verließ 1961 die Familie und kehrte in die USA zurück. Die alleinerziehende Mutter konnte dem Jungen und seinem zwei Jahre älteren Bruder nur ein kärgliches Dasein in der kleinen Hinterhauswohnung an der Hauptstraße zwischen den beiden Stadtteilen Idar und Oberstein bieten.

Portrait vom einjährigen Thomas Usleber


»Die meisten Menschen in Deutschland mögen kleine, dunkelhäutige Kinder. Die dunkle Haut und die lockigen Haare machen sie neugierig, sie wollen sie anfassen und ihre Haare fühlen. […] Ich ahnte jedoch noch nicht, dass diese Hautfarbe für all die hellhäutigen Menschen um mich herum eine Besonderheit war. Niemand ließ mich merken, dass sie eine Ausnahmeerscheinung in der Stadt war.«
(Aus: »Die Farben unter meiner Haut«)

Bis zum Beginn seiner Schulzeit weisen Uslebers Erinnerungen nur positive Erfahrungen auf. Die Menschen mochten das fröhliche, dunkelhäutige Kind. Oft standen er und sein Bruder im Mittelpunkt des Interesses. Auf einer Kinderfreizeit wurden sie sogar mit besonderer Zuneigung und Anteilnahme verwöhnt.

Das trügerische Bild gesellschaftlicher Akzeptanz verlor sich jäh beim Eintritt in die Schule. Hier widerfuhr dem wissbegierigen Schüler erstmals offensichtlicher Rassismus:

»Je älter ich wurde, desto mehr nahm die anfängliche Zuneigung meiner Umgebung ab. […] Ich war dunkelhäutig und vaterlos, eigentlich schon allein Grund genug, von der Idar-Obersteiner Bevölkerung abgelehnt zu werden. Es kam aber noch der Umstand hinzu, der mitunter sogar noch gewichtiger war als die beiden genannten: Wir waren arm.«
(Aus: »Die Farben unter meiner Haut«)

Aufnahme von Thomas Usleber am ersten Schultag


»Im Jahr 1966, als ich in die Schule kam, kannte ich schon den Unterschied zwischen dem Leben wohlhabenderer Familien und unserem: nicht immer zu Weihnachten und zum Geburtstag Geschenke zu bekommen, in einer kalten, nur notdürftig eingerichteten Wohnung zu leben, und keinen üppigen Mittagstisch vorzufinden. Mein Bruder und ich schnitten die Bilder von Spielsachen aus dem Katalog und spielten mit den Papierschnipseln, zusammengebundene Stoffreste waren unsere Teddybären. Aber was ich noch nicht kannte, war Ablehnung oder gar Feindseligkeit aufgrund meiner Hautfarbe«.
(Aus: »Die Farben unter meiner Haut«)

Mehr und mehr ließen Mitschüler aber auch Lehrer oder das Aufsichtspersonal in Ferienfreizeiten die beiden Brüder ihre Ablehnung spüren. Strafen für kleine Vergehen wurden mit unnachgiebiger Strenge geahndet. Keinem weißen Kind wurden so harte Züchtigungen erteilt, keinem in ähnlicher Weise das Recht auf persönliches Eigentum in solch würdeloser Weise entzogen.

»Was unsere Mutter uns per Post in die Ferienfreizeit sandte, Süßigkeiten, Creme und anderes, wurde offen unter allen Kindern verteilt. Ich erinnere mich noch genau, wie hämisch uns die anderen angrinsten, als sie sogar in den Paketen wühlen durften, die an uns adressiert waren. Umgekehrt haben wir selbstverständlich nie etwas von dem bekommen, was an die anderen geschickt wurde.« (Aus: »Die Farben unter meiner Haut«)

Die Erfahrungen veranlassten die beiden Brüder, sich von der Außenwelt abzuschirmen. Thomas begann, eine Mauer um sich herum zu bauen.

»Die Umwelt schleppte mir die Steine in Form ihrer Vorurteile und ihres Hasses an, und ich fügte sie zusammen und zementierte mich zu«.

Bestärkt von der Mutter, lebte die kleine Familie in ihrer selbst gewählten Isolation. Nachbarn oder Mitschüler wurden im Vorfeld, auch wenn sie ehrliches Interesse hegten, als potenzielle Bedrohung von der Familie ferngehalten.

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Audio I Thomas Usleber mit seinen eigenen Worten

Um mit der sozialen Vereinsamung und den Diskriminierungen in früher Jugend zu Recht zu kommen, fand der Schüler Kraft im Glauben:

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Audio I Thomas Usleber mit seinen eigenen Worten

Der wöchentliche Besuch des Gottesdienstes war stets mit einem Aufenthalt in der Leihbücherei verbunden. Mit fachkundigem Gespür empfahl der Pfarrer, der für die Leitung der Bücherei verantwortlich war, dem wissbegierigen Schüler Jugendbücher preisgekrönter Autoren, die seine Faszination für das Lesen schürte.

Schon bald avancierten Bücher und das Schreiben eigener Geschichten zum einzigen Ausdrucksmittel des damals 13-jährigen Hauptschülers. Die Inspirationen für seine Geschichten entstammten häufig den exotisch-orientalischen Erzählungen und den Wildwestromanen von Karl May, deren Protagonisten eines verband: Freundschaft und Zusammenhalt:

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Audio I Thomas Usleber mit seinen eigenen Worten

So sehr die Mutter beide Söhne von der Außenwelt isolierte, war sie dennoch auf die Schulbildung ihrer Kinder bedacht. Doch auch das schulische Fortkommen beider Jungen war durch ihre dunkle Hautfarbe mit Erniedrigungen und Schmerz verbunden.

»Für meine Mutter war es keine Frage, dass ich auf eine höhere Schule gehen sollte, und so war es für mich auch selbstverständlich. Dann stellte eines Tages die Lehrerin die Frage an die gesamte Klasse, und um sich einen Überblick zu verschaffen, sollten alle aufstehen, die auf die Realschule oder das Gymnasium gehen wollten. Ich stand auf. Plötzlich lachten alle. Die Lehrerin lächelte ebenfalls und sah mich an. Ich stellte fest, dass die ersten beiden Rreihen aufgestanden waren und vereinzelt noch Schülerinnen und Schüler aus den nächsten beiden Reihen. Weiter hinten waren alle sitzen geblieben, dort stand nur einer: ich. Und ich war auch der Anlass zu ihrem Lachen. Trotz dieses Erlebnisses bin ich auf die Realschule gewechselt, habe später das Gymnasium besucht und studiert. Das Lachen von damals hat dabei immer in meinen Ohren geklungen, es hat mich angespornt zu kämpfen und zu beweisen, dass man es auch gegen alle Widerstände schaffen kann!« (Aus: »Die Farben unter meiner Haut«)

Für den Schüler formte sich der Gedanke, es zu schaffen, es allen zu zeigen, zur Lebensmaxime. Eine umfassende Bildung war für ihn das zentrale Mittel für sozialen Aufstieg und Akzeptanz. Seine frühe Affinität zur Literatur und Wissenschaft brachte ihm auch die Werke der Philosophen Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer näher:

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Audio I Thomas Usleber mit seinen eigenen Worten

Die neue Geisteshaltung brachte eine instinktive Veränderung in das Leben des Jugendlichen: Er begann, sich anderen Menschen wieder zu öffnen und sie zu akzeptieren. Dabei lehrte ihn die Erfahrung, dass man seitens der anderen nur Akzeptanz erwarten könne, wenn man seine eigene Identität sucht und findet. Identität, Selbständigkeit, Selbstbewusstsein und Wissen kristallisierten sich als Maxime heraus, die das weitere Leben des jungen, dunkelhäutigen Deutschen bestimmten, wenngleich sich häufig Rückschläge und Enttäuschungen in seinen Weg stellten:

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Audio I Thomas Usleber mit seinen eigenen Worten

Portrait von Thomas Usleber im Arbeitszimmer



Obwohl er immer mehr Einsatz als alle anderen zeigen musste, ging Usleber mit einem klaren Ziel vor Augen den steinigen Weg eines dunkelhäutigen Jugendlichen, der gegen alle Vorurteile ankämpfte. Die Schule schloss er mit Bestnoten ab und studierte. Beruflich ging er den Weg des Beamten im Amt für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt, war als Stadtverordneter tätig und ist heute für die Schulentwicklungsplanung und Sonderpädagogische Förderung beim Schulamt der Mainmetropole verantwortlich.

Diskriminierungen bekommt er auch heute noch zu spüren. Sei es, das man ihn in einem Frankfurter Amt, das er im Rahmen einer Besprechung besuchte, zunächst als Büroboten ansah oder aufgrund der dunklen Hautfarbe seine deutsche Herkunft anzweifelt. Usleber begegnet der Entwicklung mit Konsequenz. Mit einem deutschen und einem amerikanischen Pass in der Tasche entschied er sich, auf die Frage nach seiner Nationalität anzugeben: Ich bin Amerikaner.


Thomas Usleber mit Familie



Seit 1987 lebt Usleber mit seine Ehefrau und Tochter im hessischen Dietzenbach. Schon lange hat er Frieden mit seinem Vater in den USA geschlossen und eine neue Familie dazu gewonnen. Von seinen Besuchen in Chicago und den Reisen durch die Weiten der USA zeugen seine eindrucksvollen Impressionen.

Aufnahme im Bryce Canyon, USA

Den Begriff »Heimat«, mit dem er als Kind Leere und Zurückweisung verband, hat für ihn im Laufe der Jahre eine besondere Bedeutung erhalten:

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Audio I Thomas Usleber mit seinen eigenen Worten

»Ich stehe heute an einem Punkt, an dem ich zumindest beruflich eines meiner Ziele erreicht habe. Und nun? Ist es an der Zeit, sich zurück zu lehnen und die Früchte zu genießen, um die ich so lange gerungen habe?
Der Gedanke daran ist mir fremd. Wie der Sportler, der ein Spiel gewonnen hat, denke ich schon wieder an das nächste Match. Wenn es mir am Beginn meines Weges noch um das Erreichen eines Zieles gegangen ist, so denke ich inzwischen, dass das Wesentliche an allen Zielsetzungen nicht das Ankommen, sondern der Weg selbst ist. “Wichtig allein ist, sich auf den Weg zu machen und durchzuhalten!” Der Weg bringt die Erfahrungen, die Erlebnisse, die Freuden. Am Ende bleibt nur noch der Blick zurück. Es sei denn, man setzt sich neue Ziele. Dann kann man wieder nach vorne blicken und neuen Eifer entwickeln.

Es gibt Menschen, die mir gesagt haben, dass sie nicht verstehen, warum ich immer weiter will, und manche meinen, dass ich mit dem Erreichten nicht zufrieden bin. Aber das ist es nicht. Viel zu lange habe ich immer nach vorne schauen müssen, habe Hoffnungen und Zuversicht, manchmal auch Träume und Illusionen entwickeln müssen, als dass ich jetzt auf einmal den Blick zurückwenden könnte.
In der Bibel, einem Buch, das ich schon oft zitiert habe, geboten die Engel dem Lot, bei der Flucht sich nicht umzuschauen, Johannes der Täufer dagegen rief zur Umkehr auf.

Ein wenig von beidem ist notwendig. Bei mir liegt im Blick zurück die Besinnung, woher ich komme. Im Blick nach vorne liegt meine Kraft.«
(Aus: Die Farben unter meiner Haut“)

Buchtitel »Die Farben unter meiner Haut«


Thomas Usleber


Die Farben unter meiner Haut
Autobiografischen Aufzeichnungen
Brandes & Apsel Verlag 

In seiner autobiografischen Aufzeichnung »Die Farben unter meiner Haut« will Thomas Usleber bewusst machen, wie schmerzhaft es ist, im eigenen Land nicht als gleichwertiger Mitbürger gesehen zu werden.