Wer wir sind, wie wir leben

Muslim Girls

Sineb El Masrar
Muslim Girls
Wer wir sind, wie wir leben
Eichborn Verlag, 2010
Broschiert, 206 Seiten
ISBN: 9783821865331
Euro 14,95 € [D]
E-Book - Muslim Girls
Wer wir sind, wie wir leben
Euro 11,99 [D]
ISBN: 9783821885384
Inhalt
Muslima 2.0 – Was Sie schon immer über junge Musliminnen wissen wollten, sich aber nicht zu fragen trauten
In ihrem Buch „Muslim Girls. Wer wir sind, wie wir leben“ räumt die Autorin Sineb El Masrar gründlich mit allen gängigen Vorurteilen auf, die allzu häufig noch das Bild junger Musliminnen in Deutschland prägt. Sie vermittelt Einblicke in die vielfältige Lebensrealität junger Frauen, die längst in Deutschland angekommen sind. Auch wenn die öffentliche Wahrnehmung – nicht zuletzt unterstützt durch die Medien – eine andere ist.
Sexy, selbstbewusst und selbstbestimmt. So anders als die deutsch-deutschen Girlies sind die Musliminnen der zweiten und dritten Einwanderer-Generation gar nicht. Was die jungen Frauen allerdings wirklich auszeichnet, sind die erschwerten Ausgangsbedingungen, denen sie unterworfen waren. Die heute erfolgreichen Migrantentöchter, die sich in Kultur, Wissenschaft, Kunst und inzwischen auch in der Politik hervortun, berichten nicht nur von mangelnder Unterstützung zuhause, sondern auch von Lehrerinnen und Lehrern, die sie chronisch unterschätzten und die sich als Bildungsbremse entpuppten. Dass Muslimas dennoch inzwischen wichtige Rollen in unserem gesellschaftlichen Leben spielen, ist ihrer Hartnäckigkeit und ihrem Durchhaltevermögen zu verdanken.
Anhand der eigenen Erinnerungen, im Austausch mit Gleichgesinnten und auf der Basis harter Studienergebnisse zeichnet Sineb El Masrar ein Bild der modernen deutschen Muslima, das viele überraschen wird. Gleichzeitig bricht sie eine Lanze für sinnvolle Integrationskonzepte und sagt der Stereotypisierung den Kampf an.
Autorin
Sineb El Masrar, 1981 als Tochter marokkanischer Einwanderer in Hannover geboren, ist in der niedersächsischen Provinz aufgewachsen. Nach zwei Ausbildungen als Erzieherin und Kauffrau und einigen Stationen in der Marktforschung, an Grundschulen und in der Filmbranche gründete sie im Jahr 2006 das einzige multikulturelle Frauenmagazin Gazelle. Sie saß 2006 in der Arbeitsgruppe Medien und Integration der Integrationskonferenz von Staatsministerin Maria Böhmer im Kanzleramt und ist heute Teilnehmerin der Deutschen Islam Konferenz, lebt und arbeitet in Berlin.
Leseprobe
Gestatten, Muslim Girls!
Wer sind die? Woher kommen die? Was wollen die?
Wir sind heute überall. Wir, die Muslim Girls, die nicht nur in der islamischen Welt zu Hause sind, sondern seit Jahrzehnten auch in Deutschland. Ich zum Beispiel gehe gerade unausweichlich auf die große »Drei Null« zu, lebe genauso lange in Deutschland und wahrscheinlich werden es sogar noch ein paar Jahre mehr.
Und da bin ich nicht die Einzige. Die Chancen sind groß, dass Sie eine wie mich kennenlernen. Früher oder später trifft eigentlich jeder auf uns Muslim Girls. Doch wer uns nur verstohlen aus der Ferne – in der Bahn, beim Einkaufen oder beim Arzt – beobachtet, trägt meist einen Sack voll Fragen mit sich herum: Wer sind die? Woher kommen die? Was wollen die? Und wenn wir bei H&M, bei Lidl oder Rossmann zusammen zwischen den Regalen oder in der Schlange an der Kasse stehen, dann schwirren manchem Kunden und Verkäufer Fragen wie diese durch den Kopf: Ist die wohl schon zwangsverheiratet? Darf die hier eigentlich ohne männliche Begleitung herumlaufen? Oder liegt das Einkaufszentrum noch im Radius dieser legendären Kamel-Fatwa?
Manche wissen so gut wie nichts über uns, aber die Kamel-Fatwa, die kennen sie: Jene Regel, die einer Frau erlaubt, sich nur so weit von ihrem Haus zu entfernen, wie ein Kamel an einem Tag an Schritten zurücklegen kann. Doch nur wenige wissen, dass eine Kamelkarawane in 24 Stunden etwa 81 Kilometer zurücklegen kann. Im dicht besiedelten Deutschland kommen wir da an vielen Einkaufszentren vorbei, erst recht im Ruhrgebiet, wo so viele von uns leben. Und die allerwenigsten »Kenner« dieser Fatwa werden wissen, dass es sich dabei keineswegs um ein allgemeingültiges islamisches Gesetz handelt, sondern von einem einzelnen syrischen Islam-Gelehrten namens Amir Zaidan aus Hessen stammt: Der war 1998 von mehreren volljährigen Oberstufenschülerinnen gefragt worden, ob sie eine zweiwöchige Klassenfahrt nach Spanien mitmachen dürften. Sein Urteil lautete, dass eine Teilnahme an derartigen schulischen Veranstaltungen ohne männliche Verwandte nicht erlaubt sei.
Muslim Girls sind alle so furchtbar schleierhaft. Ach je, seufzt der Laie, bei den Muslim Girls ist alles so furchtbar schleierhaft. Prompt vergisst der deutsch-deutsche Mann hinter uns an der Kasse, die Tampons für seine Frau einzukaufen, während er aus dem Anstarrmodus nicht mehr rauskommt. Aber wenn jetzt ein Drogerie-Manager glaubt, die Antwort auf seine sinkenden Umsätze gefunden zu haben, dann muss ich ihn leider enttäuschen: An uns liegt es definitiv nicht! Wir nämlich lieben Drogerien und Parfümerien. Wir kaufen euch die Läden leer, wenn ihr nicht rechtzeitig für Nachschub sorgt. Wenn etwas in unseren Herkunftsländern floriert, dann Kosmetikprodukte. Achten Sie mal darauf, in Ihrem nächsten Badeurlaub in der Türkei, in Tunesien und in Marokko oder in Ihrem Kultururlaub im Iran oder in Ägypten. Die ganzen Fläschchen, Döschen und Tuben – die werden nicht nur von Touristen gekauft. Achten Sie einfach mal drauf! Doch das ist nur eine Facette unserer Realität.
Muslim Girls sind nicht nur Kosmetik- und Modeliebhaberinnen mit unnachgiebiger Zupfgenauigkeit. Nein, wir lieben es auch, zu lauter Musik von amerikanischen, iranischen, türkischen oder arabischen Sängern zu tanzen. Wir lernen ununterbrochen für unsere Schultests, Magisterarbeiten, Ausbildungsprüfungen. Forschen bis zur Erschöpfung für unsere Doktorarbeiten. Haben nach zehn unbezahlten Praktika und Jahren der Arbeitslosigkeit keine Lust mehr drauf. Fluchen auf dem Damenklo in einer Mischung aus Deutsch, Arabisch, Türkisch oder Bosnisch über unseren sexistischen Arbeitskollegen. Nicht selten genug plagen uns auch noch Selbstzweifel, ob wir unsere Sache überhaupt gut genug machen. Nach Mr. Right suchen wir nebenbei auch. Der darf ruhig auch mal ein wenig Macho sein. Aber bitte auf keinen Fall in den eigenen vier Wänden.
Wir lieben unsere Heimatstädte wie Düsseldorf, Köln, Duisburg oder Hamburg und finden, dass keine andere Stadt sie toppen kann. Wir haben Heimweh, wenn es uns von Düsseldorf nach Berlin verschlägt, und zählen die Tage, bis es wieder zurückgeht.
Wir posten ununterbrochen bei Facebook, stellen mehr oder weniger geistreiche Kommentare unter die Statusmeldungen unserer virtuellen Freunde und finden das mit erhobenen Daumen zu allem Überfluss auch noch gut. Zudem gestehen wir widerspruchslos unsere Internetsucht ein.

