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»Ein Stück Heimat findet man ja immer«

Buchtitel »Ein Stück Heimat findet man ja immer«


Yvonne Rieker
»Ein Stück Heimat findet man ja immer«
Die italienische Einwanderung in die Bundesrepublik

Klartext Verlag, Essen 2003
ISBN-10 3898611914
ISBN-13 9783898611916
Paperback
200 Seiten
19,90 € (D)

Inhalt

Die Italiener waren nicht nur die erste, sondern bis 1970 auch die größte Migrantengruppe in Deutschland. Sie prägten das anfängliche Bild vom Gastarbeiter. Deshalb bietet sich die Migration aus Italien für eine Fallstudie zur deutschen Gastarbeiter-Politik besonders an. Die italienischen Migranten waren aber nicht nur Objekte von Politik, Wirtschaft und Betreuungsorganisationen, sondern auch handelnde Subjekte. Deshalb wertet die Autorin neben umfangreichem Archivmaterial 30 lebensgeschichtliche Interviews mit Italienern und Italienerinnen aus, die heute in der Bundesrepublik leben.

Autorin

Yvonne Rieker studierte Empirische Kulturwissenschaften, Soziologie und Politologie in Tübingen und Duisburg. Im Historischen Seminar der Universität Freiburg arbeitete sie zwischen 1998 und 2001 bei Prof. Dr. Ulrich Herbert an einem Projekt zur Geschichte der italienischen Arbeitsmigration in der Bundesrepublik. Zu ihren Forschungsgebieten gehören u.a. Biografieforschung, Arbeitsmigration und die Geschichte Italiens.

Leseprobe

Die eigene Fremde – Ambivalente Annäherungen an die zweite Heimat

Die alljährlichen Reisen ins süditalienische oder sizilianische Heimatdorf hätten bis weit in die 1960 Jahre unter ähnlich strapaziösen Bedingungen stattgefunden wie ihre Einreise nach Deutschland, erinnern sich viele meiner Gesprächspartner. Auch wer sich früh ein Auto leistete und damit die extrem anstrengenden Zugfahrten umging, hatte erhebliche Schwierigkeiten zu meistern. So erinnert sich Francesca Impelluso an die Ängste, die sie während einer winterlichen Autofahrt vom Ruhrgebiet nach Sizilien ausstand, als die Familie auf teilweise vereisten Straßen den Sankt Gotthard-Paß habe überqueren müssen. Ihr Mann Luigi dagegen schildert diese Fahrt eher als sportliche Herausforderung:

Ich erinnere mich noch sehr gut, als ich 1964 in Deutschland abgefahren bin und meine Kollegen erfahren hatten, das ich mit dem Auto fahren würde, von Deutschland bis nach Sizilien. Da haben sie zu mir gesagt: ,,Das ist Wahnsinn! Wie willst du dich auf den Straßen zu Recht finden?” Denn damals als wir ltaliener nach Deutschland gekommen waren, da kannten wir uns nicht aus mit Straßen und Landkarten und solchen Sachen. Aber ich habe noch einen Kollegen mitgenommen, und wir sind abgefahren.

Früher fungierte das Auto allerdings nicht nur als Gefährt für die Reisenden, sondern auch als Transportmittel für Geschenke an die Verwandten und auf dem Rückweg für regional-typische Lebensmittel, die man in Deutschland nicht bekommen konnte. Viele Familien brachten einen Vorrat an Olivenöl, Wein und Käse mit zurück, der in Süditalien ohnehin für den Eigenbedarf produziert, dann in Deutschland für mehrere Monate ausreichte. Dieser Geschenk- und Warenaustausch half zudem die Verbindung zu den Verwandten und Freunden aufrechtzuerhalten und ein Stück der süditalienischen Lebenswelt nach Norden zu transferieren.