Zafer Şenocak
Deutschsein
Eine Aufklärungsschrift
Edition Körber-Stiftung
190 Seiten | 12 x 20,5 cm
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-89684-083-7
16,00 € (D)

Wir sind wieder wer. Aber wer?
Die Deutschen sind nicht mit sich im Reinen. Sie sind stolz auf ihre multikulturelle Fußballnationalmannschaft und eine solide Volkswirtschaft – diskutierten aber im Herbst unvermittelt und erbittert über Integration und Zuwanderung. Im Kern ging und geht es hier um die Frage der Identität, stellt der Schriftsteller Zafer Şenocak fest. Die Frage, wer Deutscher ist, wer keinesfalls und wer es werden kann. Und was das überhaupt heißt: Deutschsein.
Die deutsche Identität ist von Brüchen geprägt. Die Deutschen haben keine positive Definition davon, wer sie sind und was sie ausmacht – manchmal haben sie nicht einmal Wörter dafür. Doch Sprache ist, so Şenocak, der Schlüssel zu Identität. Sie bildet nicht nur die Basis funktionaler Integration – sie bildet Heimat. Die Vorstellung einer homogenen Nation ist längst durch millionenfache Zuwanderung widerlegt, die zeigt: Es gibt viele biografische Wege, Deutscher zu werden. Sucht man nach einer allgemeingültigen Folie des Zusammenlebens, sind alle Seiten gefordert.
Wenn man sich nicht ausschließlich auf die Kriterien Herkunft und Religion beruft, kann ein universeller Begriff von Zivilisation, der auf Menschenrechten und den Werten der Aufklärung basiert, Gemeinschaft stiften.
Zafer Senocak wurde 1961 in Ankara geboren. Er verbrachte seine ersten acht Lebensjahre in Istanbul, bevor er mit seinen Eltern nach München übersiedelte. Nach dem Abitur studierte er Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in München und begann in den 1980er Jahren mit ersten Veröffentlichungen. 1990 zog er nach Berlin.
Bisher sind 23 Bücher erschienen, Lyrik ebenso wie Prosa und Essays. Seine Werke wurden ins Englische, Französische, Italienische, Tschechische und Türkische übersetzt. Senocak erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, darunter den Adalbert-von-Chamisso-Förderpreis, den Preis der Stadt München, die Stipendien des Literarischen Colloquiums und des Berliner Senats. Nach einer Gastprofessur an den Universitäten in Berkeley (CA) und Massachusetts war er »writer in residence« in den USA und England sowie »poet in residence« an der Universität Duisburg-Essen.
Wenn ich an meine Kindheit in Deutschland denke, überkommt mich ein Gefühl der Geborgenheit. In meinem achten Lebensjahr zogen wir von Istanbul in einen kleinen oberbayrischen Ort. Als wir dort ankamen, lag der Schnee knietief, und der Ort erschien mir wie ausgestorben.
Die Luft roch ganz anders als in Istanbul. Sie war frisch, brannte in der Nase, so als hätte man ihr ein Gewürz beigemischt. Der Schnee blieb noch lange liegen in diesem Jahr. Zu Hause, in einer möblierten Dachwohnung am Ortsrand, war es warm und gemütlich. Vom Fenster aus sah man die Berge mit ihren bewaldeten Hängen. Vor dem Haus erstreckten sich schneebedeckte Felder. Nachts war es ganz still. Ruhe war wichtig in diesem Land. Nachtruhe. Der Lärm Istanbuls war nicht mehr zu hören. Ich vermisste vor allem die Schiffssirenen. Aus Istanbul hatte ich wenig mitgebracht. Ich erinnere mich an den Schulatlas, auf dem ich auf der dreitägigen Reise im Zug mit dem Finger jene Strecke nachfuhr, die uns dem Ziel München nahe brachte. Auf dem Atlas war eine Grenze eingezeichnet, die mitten durch Deutschland führte und deren Zweck ich nicht verstand.
»Es gibt ein freies und ein unfreies, gefangenes Deutschland«, erklärte mir mein Vater. »Diese Grenze ist eine Mauer, die man nicht passieren darf.« In welches Deutschland fuhren wir? In das freie oder in das unfreie? »In das freie natürlich«, beruhigte mich mein Vater. »Da fahren jetzt viele Menschen aus der Türkei hin. Deshalb ist der Zug so überfüllt.« »Wenn so viele Menschen von der Türkei nach Deutschland fahren, dann muss Deutschland ja viel schöner sein als die Türkei?« »Vielleicht nicht schöner, aber anders. Deutschland wird dir gefallen. Es gibt dort keine armen Kinder.« Ein Land, in dem es keine armen Kinder gab, das war gut. Das war sicher ein Grund dafür, warum so viele Menschen nach Deutschland fuhren.
»Nachtruhe!« Unsere Wirtin, eine hoch betagte, aber rüstige Dame, die allein lebte, weil ihr Mann verstorben war, hatte dieses Wort ausgesprochen.