»Mit Koffern voller Träume« lautet der Titel eines Buches, das die Lebens-Geschichten von Menschen unterschiedlichster Nationalitäten erzählt, die ihre Heimat für das verheißungsvolle Deutschland der 1950er Jahre verließen. Die wenigsten kannten das Land ihrer Erwartungen, in dem sie für eine absehbare Zeit leben und arbeiten wollten. Ein Land, dessen Sprache sie nicht beherrschten, dessen »Anderssein« für sie weitab jeder Vorstellung lag. Jene Gastarbeiter-Geschichten sind stellvertretend für tausende von Einzelschicksalen.

Literatur

Titel-Ausschnitt von Mit Koffern voller Träumen...
Zahllose Briefe traten ihre Reise in die Türkei, Portugal oder Jugoslawien an. Manche berichteten wahrheitsgetreu über die Kälte und Isolation, in anderen Niederschriften jedoch fand sich das glorifizierte Bild einer nicht vorhandenen Realität wieder. In ihrem Beitrag »Türkisch-deutsche Literatur in Deutschland« schreibt die deutsch-türkische Literaturwissenschaftlerin Karin E. Yesilada: »Hunderttausende türkische Gastarbeiter kamen also nach Deutschland, alle mit dem Zug, alle mit einem Koffer, in dem sie das Nötigste gepackt hatten, und alle mit dem festen Willen, für ein paar Jahre hart zu arbeiten und Geld zu verdienen, um dann wieder in die türkische Heimat zurückzukehren. Stationen ihrer Reise waren: Istanbul-Haydarpasa, Istanbul-Sirkeci-Dortmund, Duisburg, Bochum, Köln, Stuttgart, Frankfurt... Aus Dörflern wurden Weltreisende, aus Schafhirten wurden Metallarbeiter; sie alle landeten in kargen Unterkünften, Wohnheimen mit Mehrbettzimmern und Gemeinschaftsduschen, wo sie ihr Brot und ihre Sehnsucht nach der Heimat miteinander teilten.
In ihren Briefen berichteten sie den Daheimgebliebenen von ihrem Leben in Deutschland und beschönigten dabei so manches. Statt über die Ausbeutung am Arbeitsplatz, den Rassismus der Deutschen oder über die Einsamkeit zu klagen, priesen sie lieber die deutsche Sauberkeit und Ordnung, und malten ihr Los in den schönsten Farben aus. Ihre Briefe wurden so zu einem »Deutschlandmärchen«, das später in den Satiren von Sinasi Dikmen zu einer eigenen Form wurde: genussvoll werden da die angeblich paradiesischen Zustände so übertrieben, dass es fast schon wehtut: In der Literatur gelang das einfacher als im wirklichen Leben. Die eigentliche Last ihres Schicksals in »Bitterland Almanya« gossen die Gastarbeiter der ersten Stunde lieber in selbstverfasste Gedichte: unzählige solcher Gedichte entstanden in den ersten Jahren!«
Zu den ersten Einwanderern zählten jedoch nicht nur Arbeiter, sondern auch Intellektuelle und Studenten, die ihre Heimat aus politischen Gründen verließen. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie zunächst als Fabrikarbeiter oder Kellner. Ihre Schriften stellten die eigene Migrationsgeschichte in den Mittelpunkt oder skizzierten kritisch die sozialen, ökonomischen und kulturellen Aspekte der aufstrebenden 1960er Jahre.
Aus dieser Situation heraus entwickelte sich ein neuer Zweig einer multikulturellen Literatur, die zu Beginn in der eigenen Muttersprache, ab Ende der 1970er Jahre in deutscher Sprache verfasst und als so genannte »Gastarbeiterliteratur« zum festen Bestandteil deutscher Literaturgeschichte wurde.

Titel-Ausschnitt von Franco Bioandis Roman In deutschen Küchen.
Den eigentlichen Begriff der »Gastarbeiterliteratur« prägten die Schriftsteller Franco Biondi und Rafik Schami jedoch erst 1981 in ihrem Manifest »Literatur der Betroffenheit: »Wir gebrauchen bewusst den Begriff vom `Gastarbeiter`, um die Ironie, die darin steckt, loszuwerden. Die Ideologen haben es fertig gebracht, die Begriffe Gast und Arbeiter zusammenzuquetschen, obwohl es noch nie Gäste gab, die gearbeitet haben. Die Vorläufigkeit, die durch das Wort Gast zum Ausdruck gebracht werden soll, zerbrach an der Realität; Gastarbeiter sind faktisch ein Teil der bundesrepublikanischen Bevölkerung.«
Ab Mitte der 1980er Jahre erlebte die Gastarbeiterliteratur einen wahren Boom und avancierte zu einem eigenständigen Genre in der deutschen Literaturlandschaft. Neben den italienischen, schreibenden Migranten Franco Biondi und Gino Chiellino nahmen der in der Pfalz lebende, syrische Autor Rafik Schami, die türkischen Schriftsteller Yüksel Pazarkaya und Aras Ören oder Elena Torossi aus Griechenland maßgeblichen Einfluss auf die weitere Entwicklung.
Die Bezeichnung »Gastarbeiterliteratur« wich der Bezeichnung »Migrationsliteratur« und erfährt heute – gerade durch Autoren der zweiten Generation - starke Aufmerksamkeit.
Zu den maßgeblichen Autoren zählen Emine Sevgi Özdamar, Feridun Zaimoglu, Saliha Scheinhardt, Rafik Schami, Terézia Mora, Ilija Trojanow oder die Literatur-Nobelpreis-Trägerin Herta Müller, die mit ihren Erzählungen, Romanen und Gedichten einen wesentlichen Beitrag zur modernen, deutschsprachigen Literatur leisten.
In unserem »Kultur-Raum« laden wir Sie auf eine literarische Zeitreise von den Anfängen der Gastarbeiterliteratur bis zu modernen Schriften junger, internationaler Autoren ein.

